Auf Entdeckungstour mit Father Robert

Teil 1 des Berichts von Einsatzarzt Dr. Frieder Metz aus Chittagong

Da in den letzten Jahren sehr viele neue Intersenten an meinem Tagebuch in den Verteiler gekommen sind, möchte ich kurz über die Anfänge meiner Tagebücher informieren. 2007 war ich das 1. Mal für German Doctors in Kalkutta. Die Telefonverbindung war damals sehr schlecht, ein Gespräch musste ich bei einem kleinen Telefonlädchen anmelden und dann in einem stickig heißen Kabuff führen. Handy ging gar nicht. Um meine Frau und Familie auf dem Laufenden zu halten, begann ich handschriftlich meine Aufzeichnungen zu machen, die ich dann alle 4-6 Tage in einem kleinen „Internet Café“ auf fremder, meist unleserlicher Tastatur als E-Mail auf den Weg schickte. Die technischen Grundbedingungen haben sich erfreulich verbessert. Es bleibt aber immer ein gewisser Spagat in dem, was für meine Familie interessant ist, medizinisch auch für einen Laien verständlich ist und für mich auch einfach nur Erinnerungswert hat.
Dieses Jahr komme ich noch einmal zu einem Einsatz in Bangladesch, in die zweitgrößte Stadt Chittagong. Serabu in Sierra Leone ist zwar seit einigen Monaten Ebola frei, von German Doctors ist die Arbeit wieder aufgenommen. Das Einsatzkonzept hat sich aber dahingehend geändert, dass German Doctors einen Schwerpunkt auf die Ausbildung der CHO legen, diese wird nur in den operativen Fächern Chirurgie und Gynäkologie staatlich gefördert. Da fällt die Kinderheilkunde mal wieder neben runter, auch wenn die meisten Todesfälle nach wie vor auf der Kinderstation zu beklagen sind. Vielleicht ändert sich das auch erst, wenn die Nachkommenrate der Frauen unter 2,0 fällt. Das werde ich aber für Serabu sicher nicht erleben.

Viele Kinder begrüßen einen bei der Ankunft

Am Freitag ging es dann in der Mittagszeit los: Frankfurt, Dubai, Dhaka. Mit Emirates sehr nobel, in Dubai kam aber schon ein fernöstliches Flair dazu. Mehr als die Hälfte der Flugzeit brüllte wenige Reihen weiter ein junger Säugling herzzerreißend und hartnäckig. Direkt hinter mir hustete ein grauhaariger, magerer Bangladeschi sich nicht nur die Seele aus dem Leib, bis er im Mund alles gesammelt hatte, was ihn belastete. Nur das Spucken auf den Boden fehlte am akustischen Bild der offenen Tuberkulose. Ich war also recht früh im Arbeitsgebiet von German Doctors angekommen. Für das Immigration-Office muss man noch einen Handzettel mit all seinen Daten ausfüllen, Passnummer, Rückflugdaten, Adresse in Bangladesch, Tel.Nr. des Gastgebers. Es war praktisch, den kopierten Ausweis von Brayan vorlegen zu können. Vor vier Jahren wurden diese Zettel schon Flugzeug ausgeteilt, jetzt lagen auf einem Tisch vor dem Immigration-Schalter. Geld kann man direkt gegenüber tauschen, am Gepäckband dauerte es, bis die Koffer kamen. So erreichte ich nicht den von mir angepeilten Anschlussflug um 10.00 und hatte leider in einer nicht ganz so freundlichen Wartehalle noch eine 5 stündige Wartezeit bis zum Weiterflug nach Chittagong. Beim Inlandflug vervollständigte sich dann das Bild von Bangladesch: flach, sehr grün mit allen Farben der sprießenden Reisfelder und Wasser, Wasser, Wasser. Dass das Wasser aber nicht nur ein Segen für das Land ist, machte die letzte Höhenangabe im Flieger bei der Ankunft in Dhaka deutlich: -6m. Auch wenn das keine ganz korrekte Höhenangabe sein kann, zeigt es, wie knapp das Land am Rand des großen Ozeans liegt. Am Flughafen erwartete mich schon Bryan, unser Projektmanager seit Gründung der German Doctors in Chittagong. Auch meiner Vorgängerin Julia konnte ich noch eine gute Heimreise wünschen. Mit einem Baby-Taxi ging es dann in einer Stunde zum Medical Centre mit Ärztewohnung, wo nach 26 Stunden die Anreise endete. Gudrun erwartete mich schon mit dem Abendessen, ein bisschen einrichten und dann war ein lange Nachtruhe angezeigt.

Einführung am Sonntag

Kochstellen wie diese sind in Chittagong keine Seltenheit

Ich hatte eigentlich mit dem ersten Arbeitstag gerechnet, hier wurde aber schon vor längerer Zeit auf ein „europäisches“ Wochenende umgestellt, d.h. wir fangen ganz normal morgen am Montag zu Arbeiten an. Auf der anderen Straßenseite liegt die Bischofskirche von Chittagong, um 6.00 Uhr höre ich die ersten Glocken läuten, bis zum Abend habe ich sicher vier Gottesdienste registrieren können. Aber auch die Moscheen melden sich mehrfach über den Tag. Es ist ein dicht bewohnter, lebhafter Stadtteil, die Portugiesen haben hier vorgeherrscht, was für den christlichen Einschlag mit verantwortlich ist.
Am späten Vormittag machen wir einen kurzen Einführungsspaziergang, das Straßenbild ist zunächst etwas verwirrend, ich werde lernen, mich zurecht zu finden. Es ist alles sehr schmutzig und nass, wie in Dhaka oder auch Kalkutta. Mit einem Boot lassen wir uns auf dem Fluss bis zur großen Brücke fahren. Die Flut sorgt für eine ordentliche Strömung. Viele Küstenschiffe liegen vor Anker, einzelne Hochseeschiffe. Daneben auch dutzende von großen Holz gebauten Fischerboote, wo zahlreiche Hände die Netze für den nächsten Fang richten. Der Sonntag ist hier ja normaler Arbeitstag.
Gomol hat reichlich vorgekocht, an der leiblichen Versorgung wird es nicht mangeln. Trinkwasser wird geliefert oder abgekocht, die öffentliche Wasserleitung sei etwas unzuverlässig, einen kurzen ersten Stromausfall haben wir schon gehabt.

Heftige Regenfälle am ersten Arbeitstag

Erster Arbeitstag. Um 8.30 gehen wir die drei Stockwerke herunter in die Ambulanz. Sie liegt hinter dem „Father Boudreau Medical Centre“ er war ein kanadischer Priester und Arzt, hat diese Station aufgebaut und bis in die 70er Jahre geleitet. Nach seinem Tod war sie lange geschlossen, wurde mit deutscher Entwicklungshilfe und von German Doctors Anfang dieses Jahrtausends wieder ins Leben gerufen. Dort sind einheimische Ärzte tätig, die wohlhabende Mittelschicht bezahlt die Leistungen. Über einen kleinen Nebeneingang kommen die Armen dann zu uns für eine kostenlose Behandlung. Wir können Labor, Ultraschall und EKG mit benutzen, sogar ein Röntgengerät steht zur Verfügung. Das Personal ist schon versammelt, Begrüßung, erstes Kennenlernen. Sie wohnen überwiegend im selben Stadtteil, mein Übersetzer Liton ist mit dem Minibus aber eine Stunde unterwegs gewesen. Monatskarten oder etwas Vergleichbares gibt es nicht, jede Fahrt wird direkt bezahlt.
In der Nacht hatte es auch für hiesige Verhältnisse heftig geregnet. Die Patienten haben die erschwerte Anreise gescheut, am frühen Nachmittag ist der letzte versorgt. Die Arbeit geht gleich gut von der Hand. Ein 8 Monate alter Säugling, 4,3kg, dabei aber recht munter und vital hat eine deutlich vergrößerte Leber und Milz. Der Ultraschall bestätigt den Befund, auch das Gerät muss ich noch besser kennen lernen. Wie es weiter geht, wird sich nach den ersten Laborbefunden ergeben. Eine Frau um die 30 sei vor 6 Jahren schlimm auf den Rücken gefallen, seit einem halben Jahr hat sie dort Rückenschmerzen. Man sieht eine deutliche Stufe in der unteren Wirbelsäule, im Röntgenbild sei der Wirbelkörper zusammengebrochen. Jetzt kommt sie immer wieder mit Kreuzschmerzen, da muss auf jeden Fall Tuberkulose ausgeschlossen werden. Der Regen hat in der Nacht noch zugelegt, das Personal tröpfelt in der ersten Arbeitsstunde langsam ein, wenige Patienten kommen nach gut einer Stunde. Nicht nur der Regen belastet, ich höre, dass auch die Flut heute höher steigt als normal, die Geschäfte in Hafen Nähe seien überflutet. Bei solchen Straßenbedingungen fällt hier schnell die Schule aus, bei uns gab es früher Hitzefrei. Die Patienten-freie Zeit habe ich für eine kleine Fortbildung genutzt.

Mangel- und Unterernährung hat besonders bei den Kindern gravierende Folgen

Die oben beschriebene Frau hat keine Tuberkulose, das Labor war erfreulicherweise normal. Da muss sie lernen mit den Beschwerden zurecht zu kommen und nicht dauernd Schmerzmittel zu schlucken. Das ist aber schwer zu vermitteln. Leider sah ich aber noch einen großen Bauch: 6 Jahre, abgemagert bis auf den großen prominenten Bauch, traurig, müde. Bei der körperlichen und sonografischen Untersuchung zeigte sich ein riesiger, derber, etwas gelappter Tumor, der fast den ganzen Bauchraum ausfüllte. Die Nieren und Leber waren nicht betroffen. Teratom, Lymphom? Auf jeden Fall nichts mehr für uns, wir haben ihn in die Klinik geschickt. Ob ihm wirklich geholfen werden kann?

Begrenzte Möglichkeiten

Heute ist der einzige Arbeitstag, an dem wir nicht unten im Centre arbeiten. Mit zwei Baby-Taxen fahren wir in das ca. 5 km entfernte CBC = Community Based Centre. Hier haben German Doctors in einem großen Slumgebiet am Rande der Stadt vor vier Jahren ein Gemeindezentrum aufgebaut, in dem v.a. Mütter mit ihren mangelernährten Kindern betreut werden. Drei Mal am Tag erhalten sie eine Mahlzeit, das Gewicht wird kontrolliert, die Mütter beraten, 50 Kinder sind immer im Programm. Seit wenigen Monaten halten wir dort die Mittwochssprechstunde. Die Hinfahrt sehr verkehrsreich entlang des Hafens, bei der Rückfahrt müssen wir auf einer anderen Strecke mehrfach durch vollgelaufene Straßen fahren. Hier ist der letzte Regen noch nicht abgelaufen, das Wasser steht bis zu 30cm hoch, die Hälfte der Geschäfte ist überflutet. Auch zum Gemeindezentrum müssen wir durch Wasser, zu Fuß -barfuß- geht es durch die Pfützen, balancieren wir auf groben Schottersteinen. Im Zentrum werden die Schuhe ausgezogen, die Füße gewaschen, die Sprechstunde beginnt.

Der Vormittag ist recht betriebsam, ich sehe gut 50 Patienten, überwiegend Kinder, am Nachmittag wird es ruhiger. Eine Frau lag mit einer ausgedehnten Verbrennung dritten Grades vier Monate im Krankenhaus. Vier Wochen nach der Entlassung kommt sie das erste Mal zu uns. Viele Hautareale sind noch offen, in der Ellenbeuge hat sich eine schlimme Kontraktur entwickelt, das Schultergelenk wird noch dazu kommen. Das Bild erinnert mich sehr an den Jungen mit Nekrose nach Schlangenbiss in Serabu. Wenig das wir machen können, ein Kompressionsverband steht uns nicht zur Verfügung.
Nachtrag: Heute hat es nicht geregnet!

Schon früh vom Leben gezeichnet

In Chittagong trifft man unterschiedlichste Krankheitsbilder an

Ein arbeitsreicher Vormittag, 44 Patienten habe ich gesehen. Viel „Kleinkram“, aber doch einige interessante Fälle. Eine junge Frau mit einer heftigen Gallengangsentzündung, eine schwere Nierenbeckenentzündung, ein fünf Jahre alter Junge, der schon lange mit wechselnden Stuhlstörungen zu uns kam. Er hat wohl eine angeboren Fehlinervation des Darms, Megacolon. Da kann man leider nicht viel machen. Daneben gib es zahlreiche Patienten mit chron. Asthma, COPD oder auch mit Diabetes oder Bluthochdruck. Sie kommen mehr oder weniger regelmäßig, um ihre Medikamente zu holen. Wenn ich die alten Leute sehe und dann auf die Karte schaue, sind sie meist jünger als ich. Frauen mit zwei oder drei Kindern schätze ich auf Mitte 30, sie sind Anfang 20. Das durchschnittliche Gewicht unserer meisten Patienten liegt bei 40 kg, sie erscheinen dabei gar nicht abgemagert, an den Anblick hat man sich schnell „als normal“ gewöhnt. Ich sah allerdings auch eine Diabetes Patientin mit 78 kg, das kommt unseren Verhältnissen dann wieder sehr nahe.

Während der Sprechstunde kommt Father Robert, einer der Geistlichen von der gegenüber liegenden Bischofskirche und bittet, zu einer kurzen Andacht in den Vorraum der Ambulanz zu kommen. Ich verstehe, einer der Mitbrüder sei gestorben, mein Übersetzer Liton sagt mir dann, es sei der Todestag von Father Bourdeau, dem Gründer dieser Institution. Am Abend treffen wir Father Robert erneut; nein, es war eine Bitte für die Gesundheit einer Mitarbeiterin. Father Robert hatte uns nämlich zu einer Geburtstagsfeier eingeladen. Als wir 18.30 Uhr bei ihm waren, waren wir die ersten Gäste. Dann gingen wir aber zu Fuß etwa 20 Min. durch die teils dunklen, aber sehr belebten Gässchen zur Geburtstagsfeier eines Gemeindemitglieds. Auch da waren wir noch die ersten, die Feier begann erst gegen 20.00 Uhr. Für sicher 50 Personen waren in einem Innenhof (am Vortag hätte hier das Wasser noch 20cm hoch gestanden) die Tische gedeckt. Die Wände waren mit Tüchern abgehängt, Lampions, Disco-Beleuchtung. Alles sprach für eine große Feier. Das Geburtstagkind Envira feierte ihren ersten Geburtstag, sie ist das jüngste Enkelkind in einer großen Familie. Father Robert hielt auch hier eine kurze Andacht, ein Kirchenlied wurde gesungen, gebetet, die große Geburtstagstorte und wir mit Weihwasser besprengt. Er hatte dafür ein kleines Plastikfläschchen dabei. Es hätte auch Sonnenmilch drin sein können, später sah ich aber auf der einen Seite des Fläschchens ein rotes Kreuz aufgemalt. Die Torte wurde angeschnitten, Sahne-, Buttercreme, sehr kalorienreich. Wir wurden noch in einen der hinteren Räume gebeten. Hier saß die Männer-, Großväterrunde zusammen und der Reiswein machte die Runde. Dann wurde das Essen aufgetragen, gut gewürzt, ich habe mit den Fingern gegessen. Vorher mit kaltem Wasser, danach mit heißem Wasser die Finger gewaschen. Der Vater verdient sein Geld in den Golfstaaten, wie so viele Menschen aus den Ländern dieser Region. Ich konnte der Mutter noch den Rat geben, mit der Schielbehandlung ihrer Tochter nicht bis zum 3. Lebensjahr zu warten. Vielen Dank an Father Robert für diese Möglichkeit und den Menschen für ihre Gastfreundlichkeit.

Am Freitag sei die Sprechstunde immer sehr voll, es war aber doch gut zu bewältigen. Ich kann eigentlich immer noch mein hohes Arbeitstempo einhalten. Liton kann manchmal zu den Patienten recht streng sein, das ist in Ordnung, wenn immer neue Forderungen und Ansprüche gestellt werden.  Das Kindchen vom ersten Arbeitstag mit der Leber- und Milzvergrößerung brachte jetzt endlich das Blutbild. Es hat keine Anämie, damit ist eine angeborene Hämoglobinanomalie ausgeschlossen. Es ist aber bei aller begleitenden Mangelernährung so munter, dass wir erst einmal zuwarten können. Eine Frau sollte ich noch erwähnen, Mitte 30, dicke Krankenakte. Bei ihr ging es hin und her; Schilddrüsenüberfunktion, -unterfunktion und dann noch einmal dasselbe, wobei die klinischen Zeichen dürftig waren. Zahlreiche Laborwerte sprechen einmal für das Eine, dann für das Andere. Dabei kommt sie recht unregelmäßig, d.h. die Behandlung ist auch inkonsequent. Bei der uns bekannten Unsicherheit der Labordiagnostik der Schilddrüsenfunktion in unseren Einsatzgebieten habe ich alle Behandlung abgesetzt und lasse erst einmal zuwarten.

Ungewohnter Komfort

Unsere Versorgungslage als German Doctors ist hier in Chittagong einmalig gut. Die Wohnung auf dem Dach ist für zwei Leute ausreichend groß, bei gutem Wetter sitze ich jetzt auf der Terrasse. Gomol, unser Housekeeper, Koch, Mädchen für alles versorgt uns rund um die Uhr. Er putzt die Wohnung, macht die Wäsche, macht überraschenderweise morgens die Betten. Nach einer Woche werden sie frisch bezogen, die Handtücher werden gewechselt und dann bekocht er uns noch reichlich. Mittags und abends gibt es warmes Essen, gut gewürzt, da muss ich mich bewusst etwas zurückhalten. Er dürfte Anfang 40 sein, macht diese Arbeit gerne und sehr gut. Ich kenne ja mittlerweile fast all unsere Arbeitsplätze, aber so komfortabel war es noch nie.

Samstag ist neben dem Freitag staatlicher Feiertag = „Sonntag“. Bei einem Gang durch die Stadt sind auch zahlreiche Geschäfte geschlossen, vielleicht sind wir aber um 10.00 Uhr auch etwas zu früh dran. Nach längerem Suchen finden wir den buddhistischen Temple. Er ist der zentrale Tempel hier in Chittagong. Der Buddhismus war im gesamten mittelasiatischen Raum ja die dominierende Religion, bis der Islam ihn aus vielen Bereichen verdrängt hat.

Jetzt gibt es noch 1% Buddhisten in Bangladesch. Den arbeitsfreien Tag haben aber doch viele genutzt, der Tempel ist gut besucht. In zwei heiligen Bereichen wird z.T. unter Führung eines Mönchs gebetet. Im Außengelände steht ein heiliger Baum, er entspricht dem, unter dem Buddha gebetet hat. Vor den Statuen häufen sich Teller mit Speisen für Buddha/ die Mönche. Wir werden freundlich empfangen und herumgeführt. Etwa 100 Mönche sollen hier leben. Immer wieder wird man gefragt: woher kommst du? Germany kennen fast alle. Der eine oder andere fragt nach: East- or West-Germany? Zurück auf der Straße geht es in einer ganz anderen Lautstärke und Dimension weiter. Tausende sind unterwegs, zu Fuß oder auf überquellenden Lastwagen. Bunt geschmückt, viele mit einem bemalten Pappdeckel-Stirnband auf dem Kopf. Nach mehrfachem Nachfragen erfahren wir, dass von den Hindi Krischnas Geburtstag gefeiert wird. Auf der schmückenden Kopfbedeckung sieht man dann auch Krischna in allen Lebensphasen. Die Musikkapellen und Sänger auf den Lastwagen führen ihren eigenen Generator mit und dröhnen mit unvorstellbarer Lautstärke durch die Straße. In einem geschlossenen Raum wäre es nicht auszuhalten. Wieder werden wir immer wieder gefragt: Woher, Wie heißt du? An einem Tempel bekommen wir mit einem Holzpinsel und einer Lehmfarbe ein paar Zeichen auf die Stirn gemalt, das kostet natürlich etwas. Auch sonst wird viel gebettelt, es ist sicher ein Tag, an dem alle etwas großzügiger sind. Auf dem Weg zurück ist die Straße noch über eine weite Strecke von erwartungsvollen Zuschauern gesäumt, die auf den Umzug der geschmückten und lauten Gruppen und Lastwagen warten. Es wird gewinkt, gegrüßt, ich grüße mit Helau und Alaaf zurück. Es ist zwar eine offene und fröhliche Gesellschaft. So sind wir jetzt in unserer Dachwohnung und warten auf das Mittagessen.

Zubereitung der Mahlzeiten auf engstem Raum

Dann meldet sich Father Robert noch einmal, er lädt uns ein, mit ihm zu einem Gedenk-Gottesdienst zu Mutter Theresas 18. Todestag zu fahren. So sind wir mit ihm um 16.00n Uhr erst im Bus (2km zu 5 Taka = 6 Cent) und Sammeltaxi (2km zu 10 Taka = 12 Cent) unterwegs zum Mutter Theresa Haus schon etwas außerhalb im Grünen. Hier wurde von der Kirche ein großes Gelände gekauft, auf dem schon zahlreiche Gebäude stehen. Wir haben einen großen Männer- und Frauensaal gesehen, sehr sauber und ordentlich. Etwa die Hälfte der Betten war belegt. Es scheint sich mehr um soziale Fälle zu handeln – Natives = Eingeborene aus dem weiteren Umland, wenig Unfall- Versorgte wie in Kalkutta. Die Kirche auf dem Gelände war bis zum letzten Platz gefüllt, als immer noch Besucher kamen rollte eine Schwester einen Jute-Teppich im Mittelgang aus, auf dem sich v.a. die Kinder setzen. Ich habe kein Wort verstanden, nur die Melodie des Hallelujas war mir bekannt. Das ist bei einem eineinhalb stündigen Gottesdienst doch etwas anstrengend. Im Anschluss versammelte sich die ganze Gemeinde bei bereits tiefschwarzer Nacht im Außengelände unter dunklen Bäumen, kurze Ansprache, ein hübscher Tanz von vier 10 – 12 Jahre alten Mädchen, dann wurde eine große Torte angeschnitten. Sie war kleiner als die der Geburtstagfeier vor zwei Tagen, langte aber für doppelt so viele Gäste. Mit einigen der Gottesdienstbesucher konnten wir uns ganz gut unterhalten und fühlten uns willkommen. Auf dem Rückweg kehrten wir noch bei Father Roberts Schwester ein. Wir sollten Einblick in hiesige Wohnsituation bekommen. Sie ist hier verheiratet, zwei erwachsene Kinder. Für einheimische Verhältnisse sicher eine recht große, wenn auch einfache Wohnung. Auch hier musste man etwas essen, sodass unser Abendessen im Kühlschrank bleibt. Wenn man auf die Menschen zugeht, kommen sie einem auch offen und freundlich entgegen.

Auf den Spuren von Father Budreau

Father Robert hatte uns angeboten zusammen an die See zu fahren, was auch für uns verkehrstechnisch günstiger ist. Er überraschte uns heute Morgen mit einer Änderung des Ausflugs, was dann auch ganz sinnvoll war. So fuhren wir dann mit einem rein elektrisch betriebenen Baby-Taxi (es gibt jetzt auch Rikschas mit elektrischer Unterstützung) bis in die Höhe des Flughafens, überquerten den Karnaphuli kurz vor seiner Mündung in die bengalische See mit einer kleinen Fähre und liefen noch eine kurze Strecke zu einer kleinen Ausbildungsstätte. Hier hat in den 60er Jahren ein kanadischer Father eine Ausbildungsstätte für die Kinder der Fischer eingerichtet. Die Bestimmung hat sich im Laufe der Jahre geändert. Jetzt werden ca. 50 Jugendliche im technischen Bereich gefördert. Es seien Kinder, die auf dem normalen Bildungsweg gestrauchelt sind, hier erhalten sie eine zweite Chance. Motorenreparaturen, Metallbearbeitung, Schweißen, Kühltechnik. Nach einjähriger Ausbildung werden sie auf Grund ihrer praktischen Fähigkeiten gerne von kleinen Betrieben übernommen. Father Robert besucht hier auch einige christliche Familien und so langsam dämmerte es uns, dass seine Hilfsbereitschaft uns gegenüber nicht ganz uneigennützig ist. Father Robert ist indigener Herkunft, sein Stamm lebt weiter im Norden von Bangladesch. Als Priester hat er die Aufgabe, sich um die christlichen Familien mit ähnlichem Hintergrund zu kümmern. Da wir die Fahrtkosten zahlen, kann er sich auch um Familien kümmern, die sonst auf Grund der schlechten Transportmöglichkeiten einen Gottesdienst nicht besuchen können. So sind diese Fahrten und Ausflüge eine Win-Win Situation für alle drei Seiten. Um die Mittagszeit besuchen wir eine dieser Familien in etwa 1 km Entfernung. Er hat das Kind getauft, jetzt ist es 3 1/2 Jahre alt, quicklebendig, erzählt drauf los, kennt keine Scheu. Wir werden bekocht; Reis, Linsen, Gemüse, Fisch ganz frisch aus dem Tümpel daneben. Während auf der Chittagong Seite des Karnaphuli nur Industrie, Verlade-, Hafenindustrie ist, ist diese andere Seite ein fast rein landwirtschaftliches Gebiet. Fischfang , Reisanbau etwas Viehzucht. Daneben aber auch einige Ziegeleien.

Zurück über den Fluss fahren wir ein Stück weiter bis ans offene Meer. Es grüßt die Nordseeküste: ein hoher Deich mit einer Verkaufsbude neben der anderen, große Betonquader als Wellenbrecher und noch liegt ein einige 100m breiter Sandstrand frei, aber die Flut kommt zurück. Brauner, etwas schlammiger Sand, so sieht auch das Wasser aus mit reichlich Zivilisationsmüll im Wasser und am Strand. Fliegende Händler, Musikanten, magere Pferdchen, um sich einmal in einen Sattel zu setzen. Es lädt weder zum Baden nach zum Ausruhen aus, wir machen unsere Füße nass und begeben uns nach einer Stunde auf den Rückweg. Es sind sicher 15 km, wir sind über eine Stunde bei viel Verkehr, Lärm und Geholpere unterwegs. Father Robert steigt unterwegs aus, er hält bei den Mutter Theresa Schwestern noch eine Messe. Wir kommen recht kaputt in der Wohnung an, Trinken, Waschen, Essen und die Beine hochlegen.

Leichte Verständigungsprobleme

Strahlende Patienten sind immer die besten Patienten

Es liegt ein arbeitsreicher Tag vor uns. Gudruns Übersetzer bereitet sich auf eine Prüfung vor und fällt zwei Tage aus. Die routinemäßige Vertretung ist wegen eines Todesfalls in der Familie auch nicht greifbar, so macht Bryan den Übersetzter. Entweder ist er sehr akkurat, möchte alle vorgelegte Befunde richtig vermitteln oder sie haben nur die schweren Fälle, es geht recht zäh bei ihnen und ich habe sicher 70 – 80% der Patienten an diesem Tag versorgt. Auch hier kommen viele Patienten, die nicht wirklich krank sind aber meinen, sie müssten für das eine oder andere Zipperlein Tabletten bekommen. Es ist dann schwer zu vermitteln, dass sie auch selbst etwas für ihre Gesundheit tun können, nicht immer eine Tablette eingeworfen werden muss. Hier sind das die Patienten mit „all body pain“, ich habe früher dazu „Klaviersyndrom“ gesagt: egal welche Taste du drückst, es kommt immer ein lautes „Aua“. Dass jeden Tag auch ein oder zwei Patienten mit Übergewicht dabei sind, überrascht im Grunde. Heute habe ich einer Patientin gesagt, solange sie nicht abnimmt, bekommt sie von mir keine Medikamente. Sie hofft dann u.U. von meinen Nachfolger die Medikamente zu erhalten. Dass jeder Erwachsene wie die Kinder ebenfalls routinemäßig ein Wurmmittel bekommt, konnte ich abstellen, aber es gehen sicher weiterhin viele unnötige Medikament über die Theke, die hier spottbillig sind, aber in der Summe ebenfalls finanziert werden müssen. Viele Mütter ziehen v.a. ihren Kleinkindern zum Arztbesuch das Sonntagskleid an, Rüschen, Gold besetzt, ein sauberes Hemd. Andere sind dann wieder total verdreckt. Die Nasen aber auch andere Körperteile werden mit dem Sari abgewischt, der dann eine undefinierbare Farbe annimmt. Wenn die Krankenkarten – diese haben unsere Patienten zu Hause – ein paar Jahre alt sind, kann man manche Einträge kaum noch entziffern. Alle Kinder bekommen bei uns nach Abschluss der Untersuchung eine Banane. Viele Mütter drücken sie ihren 1-2 Jahre alten Kinder in die Hand, sie können die Banane zwar halten aber noch nicht öffnen. Sie knappern dann an der Schale herum und die Mutter bemerkt das nicht. Vielleicht ist das auch ein Grund der Mangelernährung: Inadäquates oder fehlendes reagieren auf die Bedürfnisse der Kinder. Die Größeren wissen dann durchaus etwas mit der Banane anzufangen, da fällt nur die Schale irgendwo auf dem Boden. Es ist schon ein weiter Weg, den Lebensstandard nur ein kleines bisschen zu verbessern.

Den Übersetzer-Engpass haben wir auch heute noch, d.h. die meisten Patienten landen bei Liton und mir. Wir kommen aber ganz gut zurecht. Die Schnittwunde auf dem Handrücken – ich hatte sie vor einer Woche genäht – hat sich entzündet. Einen Stich musste ich aufmachen, ein Antibiotikum geben. Vielleicht wäre das gleich sinnvoll gewesen. Die Gefahr einer Wundinfektion und Wundheilungsstörung ist unter hiesigen Verhältnissen immer gegeben, und wirklich steriles chirurgisches Material haben wir nur sehr begrenzt.

Heute Abend bietet uns Father Robert an, mit zu einer Hausandacht/Marienandacht zu gehen. Nach einigem Zögern sagen wir zu. Es ist ganz in der Nähe, ein großes fünfstöckiges Haus, recht neu, Innenhof mit Abstellmöglichkeiten für rund acht Autos. Auf jedem Stockwerk vier große Wohnungen. Da sieht man, dass dieser Stadtteile seine schlechtesten Zeiten schon lange hinter sich hat. Sicher 30 Leute versammeln sich in der Wohnung vor einem kleinen Hausaltar. Die Andacht wird von sechs Novizinnen geführt. Sie sind kurz davor, in ihren Orden einzutreten. Wir verstehen mal wieder kein Wort, können es uns aber nicht leisten, wie ein kleines Mädchen auf dem Schoß seiner Mutter einzuschlafen. Einige Teile kommen mir vom Klang und Ablauf nicht fremd vor, aber ich war noch nie ein Freund von dieser Art zu beten. Danach kommen wir aber mit einigen Leuten ins Gespräch und bei einem scharfen Curry klingt der Abend ganz gut aus. So schnell werde ich aber nicht wieder eine kirchliche Feier auf Bangla besuchen.

So kann ich nicht arbeiten

Zum CBC kommen wir heute trockenen Fußes, die Steine schauen aus dem Schlamm heraus. Das bedeutet aber, dass viele Patienten auch keine Schwierigkeiten haben zu kommen und es ist vormittags rappelvoll. Mein Untersuchungszimmer liegt im Eingangsbereich, wo die Patienten warten und aufgenommen werden. Da ist es schon immer recht laut, aber auf einmal verdoppelt sich die Lautstärke. Ein Geldsumme von 500 Taka sei entwendet worden, wem und wie erfahre ich nicht, aber es scheint jeder etwas dazu sagen zu können, zu wollen oder zu müssen. Um dann gehört zu werden, muss man noch einen drauf setzen. Das kann sich nur hochschaukeln. Mein Einwurf, dass ich so nicht arbeiten kann, beachtet niemand. Das geht sicher 15 Min. so. Über diese ungezügelte Emotionalität kann ich nur staunen, ich möchte aber nicht mitten drinstecken. Wenn sich ähnliches wieder ereignet, werde ich einfach kurz verschwinden, nehme ich mir wenigstens vor. Bei den Patienten fiel heute nur auf, dass wir sehr viele Kinder mit Durchfall haben. Jedes Zehnte dürfte es gewesen sein.

Die Mütter in Chittagong sind oft noch sehr jung

Immer wieder sehen wir Schwangere. Oft kommen sie sehr früh, vermuten nur, dass sie schwanger sind. Der Test bringt unmittelbar Klarheit, nur selten, dass wir einen neg. Schwangerschaftstest haben. Zwei junge Frauen, 16 und 18 Jahre alt, freuten sich über ihre erste Schwangerschaft. Eine 37-jährige war mit ihrem vierten  Kind da. Das war schon wegen Mangelernährung im Feeding Programm gewesen. Die Mutter wog nur 37 kg und war über ihre jetzt bestätigte fünfte. Schwangerschaft gar nicht begeistert. Sie bekam auch gleich ein Nahrungspaket mit; Reis, Linsen etc. Familienplanung wird notwendig sein, dann muss aber auch der Vater zustimmen. Jetzt habe ich doch noch mein erstes Herzkind herausgefischt; lebhaft, keine Zyanose. Das laute Geräusch könnte für einen Vorhofseptumdefekt sprechen. Wenn es in vier Wochen wiederkommt, möchte ich ein EKG machen lassen.

Dass heute muslimischer „Sonntag“ ist, merken wir in der Ambulanz nicht. Sie ist wie immer vormittags gut besucht. Auch der Lärmpegel von der Straße lässt nichts zu wünschen übrig. Als wir in der Mittagspause zu unserer Außenstelle fahren, sind aber doch etliche Rollläden und –Gitter an den Geschäften und Betrieben herunter gelassen. Wo wir sonst Sprechstunde halten sind heute mehr als 30 Mädchen versammelt, um den ganzen Tag über eine Art von Aufklärungsschulung zu erhalten. Es sind „adolescents“ = Jugendliche aus dem umliegenden Slum, zwei Sozialarbeiterinnen haben sie zusammen gebracht. Mit einem Alter von 10 – 14 Jahre sind sie in unserem Sinn fast noch Kinder, aber hier heiraten ja schon die 16 jährigen und treten damit ins Erwachsenenalter ein. Die Schulung geht den ganzen Tag über, wir kommen nur zum Mittagessen dazu. Mit verschiedenen Schwerpunkten wird das Ganze noch zwei Mal wiederholt. Ich habe versucht, ihnen den liebevoll umsorgenden Begriff des „Hotel Mama“ = das geschützte Aufwachsen des Kindes im Mutterleib nahezubringen. Der Bildungsstand der Jugendlichen ist sicher nicht vergleichbar mit Gleichaltrigen in Deutschland – wobei ich mir da nicht ganz sicher sein kann. Die Wissbegierde, der generelle Wunsch zu lernen ist aber bei den meisten höher.