Probleme und Mängel von A bis Z

Ein Bericht von Einsatzarzt Dr. Rolf-Ferdinand Gehre aus Kalkutta

Kalkutta ist zwar im Vergleich zu bspw. Dhaka eine geradezu ansehnliche Stadt – u.a. mit ihren beeindruckenden Baurelikten aus der britischen Kolonialzeit – aber ein gewisser Prozentsatz seiner Bewohner hat in diesem Bild aus Licht und Schatten nur in letzterem seinen Platz. Und das sind nun mal genau die Patienten, um die sich das hiesige Gesundheitsprojekten von German Doctors kümmert. Die Slums, die wir dafür anfahren liegen entweder am Rand von Kalkutta oder in seiner auf der anderen Flussseite gelegenen Partnerstadt Howrah. Seine Bewohner besitzen sehr wenig – nur von Mängeln, die sich auch auf ihre Gesundheit auswirken, haben sie sehr viel.

Die Liste dieser Mängel erscheint fast endlos und von A bis Z zu reichen:

A: Vitamin A Mangel kann z.B Nachtblindheit machen – vor diesem Stadium aber bereits eine solche Abwehrschwäche, dass bis zu jedes sechste an Masern erkrankte Kind an diesen stirbt.
B: Blutarmut ist häufig, aus vielen der weiter unten genannten Gründe und führt u.a. zu nachlassender Arbeitskraft und damit zu nachlassendem Verdienst und damit in die soziale Abstiegsspirale.
B: wie Beziehungen; ohne diese ist es schwer, Arbeit, Wohnung, Bildung, korrekte Behandlung bei Behörden etc etc zu finden.
C: Calcium fehlt viel wegen mangelnder Milchprodukte und/oder Vitamin-D-Mangel (s.u.)

In die fensterlosen Hütten dringt kaum Sonnenlicht ein

D: ohne Sonnenlicht kann Vitamin D im Körper nicht aktiviert werden – was zu mangelnder Knochenverhärtung führt. In den 30er Jahren wurden deshalb die Berliner Kellerkinder auf’s Land verschickt, weil sie sonst die Knochenkrankheit Rachitis bekommen hätten. Hier ist noch eine andere Patientengruppe gefährdet: junge Frauen streng muslimischer Familien. „They are kept in the house“ (sie werden im Haus gehalten [welch bemerkenswerte Wortwahl]) & falls sie überhaupt mal auf die Straße dürfen, nur bodentief verhüllt, oft einschließlich Handschuhen(!) und sie leiden deshalb trotz glühend heißer Sonne in diesem Lande manchmal so sehr an Sonnenlichtmangel, dass sie die rachitisähnliche, schmerzhafte Knochenkrankheit Osteomalazie bekommen.
E: Ein Eisenmangel, mit z.T erheblicher Blutarmut verbunden, liegt bei den allermeisten Kindern und Frauen im gebärfähigen Alter vor (für die Mediziner: mein gestriger Patient hatte einen HB von 2,9).
F: die Freiheit, seinem Schicksal zu entrinnen, hat hier fast keiner: die Frauen entkommen nicht ihrer Eheknechtschaft und bleiben für immer Besitz ihres Mannes; die Männer entkommen nie ihrem Arbeitgeber – wenn sie denn mal einen haben – da der auch ihre Familien kennt und sich bei Unbotmäßigkeit an ihr schadlos hält. Da liegt Trost im Alkohol nahe: viele Männer sind, ungeachtet ihres islamischen Glaubens, Alkoholiker. Was dies für ihre Arbeitsfähigkeit und damit für das finanzielle Überleben ihrer Familien ausmacht, kann man sich leicht ausmalen.
F: wie Folsäure: Vielen jungen Frauen fehlt genug dieses Vitaminstoffes. Werden sie schwanger, steigt die Rate an Wirbelsäulen und Nervenmissbildungen ihrer Kinder stark an.
G: wie Geld…
G: wie Geburtenregelung: das Unwissen ist hoch; es werden noch immer zu früh zu viele Kinder geboren.
G: wie Geburtshilfe: an Schwangerschafts– und Geburtskomplikationen sterben wöchentlich in Indien so viele Frauen wie in Europa in einem Jahr.
H: Hebammen gibt es keine, bevorzugt wird, aus Kostengründen, die Hausgeburt. Die Folge: Kinder mit Hirnschäden wegen Sauerstoffmängeln während des Geburtsvorgangs sind weit überproportional häufig. Dann leiden sie unter Lähmungen oder Krampfleiden oder Intelligenzmangel – der Kreislauf ihres Lebens als gesellschaftlicher Bodensatz ist bereits vorprogrammiert.
H: wie Haus: manche Bedürftige haben nicht mal das Wellblechdach einer Slumhütte über dem nächtlichen Kopf, sondern sind obdachlos, leben und schlafen auf der Straße.
I: an Intimsphäre fehlt es ganz und gar: oft ist es so, dass acht oder mehr Personen gemeinsam in einem einzigen- manchmal sogar fensterlosen – Raum von 12 oder weniger Quadratmetern zusammen leben und schlafen
J: Jodmangel führt nicht nur bei den Frauen zu Schilddrüsenkröpfen und -unterfunktionen, sondern bei Kindern zu mangelnder Gehirnentwicklung und Kleinwuchs.
müssen.

Schon früh werden die Kinder in Kalkutta mit dem Arbeitsleben konfrontiert

K: eine Kindheit fehlt vielen jungen Slumbewohnern: ohne Schulbildung, z.T ohne irgendwo behördlich existent zu sein da ihre Geburt nie gemeldet wurde, werde sie zum Verdienen weniger Pfennige zur Kinderarbeit geschickt.
L: Liebe gilt als exotischer Tinnef: die Eltern bestimmen, wen ein junger Slumbewohner/-Bewohnerin zu heiraten hat.
M: Mitleid: das hat man nur mit eigenen Familienangehörigen; da hilft man sich auch gegenseitig. Aber die begrenzten Mittel an irgendjemand außerhalb der Familie zu verschwenden, gilt als völlig unschicklich, sogar ansässig. Und den oberen 5 % der Society sind die 25% da unten eh vollkommen egal..
N: Nahrungsmittel, vor Allem gesunde, fehlen natürlich sehr. Fertiglebensmittel, Tütensoßen, Linsen sind Hauptnährquelle, an Fisch, Fleisch fehlt es komplett, an Obst und Gemüse in hohem Masse.
O: eine Obrigkeit existiert zwar – u.U. sogar sehr! – aber keine unbestechliche, keine, an die man sich mit Unrechtsklagen wenden könnte
P: Protein, also Eiweiß, fehlt in der oft fast rein kohlehydratähnlichen Kost in hohem Masse: Fleisch ist unerschwinglich, auch Milchprodukte – obwohl Indien mit Lassie, Joghurts, Curds dafür berühmt ist – sind für die Bewohner der Slums oft zu teuer
Q: Die Qualität der Sozialfürsorge ist hochdefizient: manchmal gibt´s neuerdings, seit Indiens Wirtschaft wächst, bspw Zuschüsse für behinderte Kinder, für grosse Operationen oder Anreize für Geburten in der Klinik – aber bspw. wird letzteres nicht bar, sondern nur auf ein Bankkonto gezahlt, was eine analphabetische Frau, die oft nicht mal den für eine Kontoeröffnung notwendigen Ausweis oder Geburtsurkunde besitzt, vor unüberwindliche Hürden stellt. Andere Zuschüsse können nur online(!) beantragt werden…
R: Die Resistenz gegen Krankheitserreger ist wegen all der genannten Mängel, wegen Unterernährung, wegen Unwissenheit, wegen der Umweltbedingungen und oft katastrophaler Hygiene bei fast allen Slumbewohnern eingeschränkt.
R: wie religiöse Toleranz: die grosse Mehrzahl der Slumbewohner ist moslemisch.

 

Barfuß durch den Dreck des Slums… Da sind Infektionen vorprogrammiert

S: nicht mal Schuhe hat mancher. Auch die Handrikscha-Zieher laufen z.T barfuß. Genauso wie viele Kinder, die sich dadurch Hakenwürmer und dadurch wiederum eine Blutarmut zuziehen.zu ziehen.
S: wie Sauberkeit: fließend Wasser hat eh bestenfalls die Mittelschicht. Lobenswert sind die öffentlichen Handpumpen für Grundwasser – aber sie fehlen oft im Slum, die Arbeit ist hart, die Wohnverhältnisse extrem beengt und so etwas wie einen Dusch- oder Baderaum oder eine Spültoilette kennen die meisten nicht mal vom Hörensagen.
T: Telefon ist einer der geringsten Mängel – wegen des nicht mehr existenten Festnetzes hat fast jede Familie ein bis zwei. Umständebedingt können die Kinder sich hier jedoch noch „ein Leben ohne Handy vorstellen“…
U: Unterricht kennt manches Kind gar nicht: geschätzte 40% der Slumbewohner sind Analphabeten.

Leider haben nicht viele Menschen in den Slums die Möglichkeit, zur Schule zu gehen

V: Die fehlende Ventilation der Hütten, der überbelegten Kleinstwohnungen, in denen das Kohlenfeuer des Herdes mitten im Schlafbereich der Menschen raucht, führt zur sog. „Indoor pollution“. Die Folge sind eine hohe Rate an Asthma und chronischen Bronchialleiden, die die ohnehin hohe Anfälligkeit für Tuberkulose noch erhöhen.
V: wie Vitamin B, dessen Mangel mit Nervenfunktionsstörungen einher geht, oder V wie Vitamin C: sogar Skorbut kommt selten mal vor.
W: Wäsche fehlt allein schon aus Konventionsgründen: hier tragen die Männer die Röcke (“ Lungee“) und praktischerweise nix drunter, dafür die Frauen die Hosen (unter dem Sari; aber bei der extrem prekären Toilettensituation auch keine störende Unterwäsche)
X: wie XX-Cromosom: Beim Nachwuchs werden Jungen bevorzugt (sie bringen was ein [die spätere Altersversorgung], während Mädchen später eine teure Mitgift erfordern), darum ist das weibliche Geschlecht, mit seinem XX-statt XY-Chromosom, unterrepräsentiert (Ultraschall ermöglicht eine Geschlechtsbestimmung noch im Uterus…; auch werden Mädchen nicht so früh zum Arzt gebracht wie Jungen).
Y: wie Yahoo: Indien ist ein Hightech-Land; sehr viel läuft hier über Computertechnologie – aber bei den unteren 25% der Bevölkerung, den Analphabeten schon ganz und gar, kommt gar nichts davon an.
Z: Zink fehlt bei Kindern als Immunitätshilfsstoff und muss mindestens bei jedem Durchfall und jeder Antibiotikatherapie substituiert werden.

War lang, diese Liste, oder?
Und sie erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit. Dennoch: auch hier gibt es Fröhlichkeit, Optimismus, Lebensfreude. Ich arbeite hier trotz Allem sehr gerne und ich finde Indien noch immer beeindruckend: allein dass es möglich ist, 1,2 Mrd Menschen mit einem zwar deutlich manglhaften, aber wenigstens nicht diktatorischen System wie in China zumindest irgendwie zu verwalten und wenigstens notdürftig zusammenzuhalten, nötigt meines Erachtens Respekt ab!