Das kleine Wunder von Joya

Kopfverletzung nach einem Autounfall: Ein Bericht von Einsatzarzt Dr. Wolfgang Otter aus Serabu

In der abgelegenen Gegend von Serabu im westafrikanischen Sierra Leone gibt es nicht viele Autos. Das Haupttransportmittel für Personen und Waren ist das Motorrad. Die meisten Menschen gehen zu Fuß. Umso überraschter waren wir German Doctors, als nach einem langen Arbeitstag abends der Anruf des Community Health Officer Peter Mboma von der Kinderstation kam: „Traffic accident with a child. Head injury!“ Die Eltern hatten das Kind auf den Armen hereingetragen. Peter hatte bereits mit der Erstversorgung des 4-jährigen Mädchens Joya begonnen und das Kind stabil gelagert sowie eine Infusion angelegt bis der Chirurg, der Anästhetist Swalo und ich eintrafen, um die schwere Kopfverletzung zu behandeln.

Behandlung unter schwierigen Bedingungen

Schwere Kopfverletzung

Schwere Kopfverletzung: Skalpierung der Kopfhaut und Fraktur der Kalotte

Die kleine Joya war von einem Auto angefahren worden und hatte sich dabei eine knöcherne Schädelverletzung mit Skalpierung der Kopfhaut sowie multiple Prellungen und Abschürfungen zugezogen. Joya war wach, ihre Atmung und ihr Kreislauf waren stabil und sie reagierte auf Ansprache gut, wenn auch verlangsamt. Weitere knöcherne Verletzungen zeigten sich bei der Untersuchung nicht. Klinisch und im Ultraschall war der Bauch in Ordnung. Eine Möglichkeit zum Röntgen gab es nicht. Man hat unter den gegebenen Umständen mit den sehr begrenzten Mitteln keine große Wahl. Und man weiß auch nicht, wie die Sache ausgehen wird. Aber wir mussten etwas für das Kind tun! Wir wechselten mit der kleinen Patientin von der Kinderstation in den OP, gaben Sauerstoff, überwachten Atmung, Blutdruck und Puls sowie die Sauerstoffsättigung. Unter Analgosedierung mit Midazolam und Ketamin bei erhaltener Spontanatmung konnte der erfahrene Chirurg gemeinsam mit dem CHO Peter die Wundversorgung der Kopfverletzung durchführen und die Impressionsfraktur der Schädelkalotte so gut es möglich war reponieren. Glücklicherweise war die Dura (harte Hirnhaut) bei dem Trauma nicht verletzt worden! Bereits im OP starteten wir eine gewichtsadaptierte kombinierte Antibiotikatherapie. Ergänzend verabreichten wir ein Kortisonpräparat für drei Tage, um eine mögliche Hirnschwellung oder ein sich entwickelndes Hirnödem gering zu halten.

Joya nach der OP

Nach der Operation hat sich Joya gut erholt

Joya hat riesiges Glück gehabt

Nach der Anlage eines Verbands wurde Joya bei stabilen Atmungs- und Kreislaufverhältnissen auf die Kinderstation in den Emergency Room verlegt, wo auch ihre Mutter die Nacht am Bett verbrachte. Am nächsten Tag durfte die kleine Patientin etwas trinken und essen. Die Großmutter hatte die Mutter abgelöst und die weitere Betreuung übernommen. Die neurologischen Untersuchungen während der nächsten Tage zeigten glücklicherweise keinerlei Defizite oder Ausfälle! Joya hatte Riesenglück gehabt. Sie klagte zunächst noch über Kopfschmerzen, aber sie erholte sich wie durch ein Wunder ohne weitere Probleme von ihrer schweren Kopfverletzung. Schon bald konnte sie wieder auf dem Bett sitzen. Nach dem Verbandswechsel am dritten Tag war sie im Zimmer und auf dem Flur unterwegs.

Der Fall zeigt, was in dem abgelegenen Hospital in Westafrika mit den sehr begrenzten Mitteln unter schwierigen Bedingungen möglich sein kann. Seit 2010 sind die German Doctors am Aufbau und der Finanzierung des Community Hospitals in Serabu beteiligt. Besonders wichtig sind neben der Gewährleistung eines funktionierenden Hospitalbetriebs mit Labor, Apotheke und OP, die Aus- und Weiterbildung der einheimischen CHOs (Community Health Officers). Diese können sich im Fach Anästhesiologie oder in Chirurgie spezialisieren und Aufgaben wahrnehmen, die bei uns Ärzten vorbehalten sind. Die CHOs behandeln alle Altersgruppen. Sie erlernen neben der Diagnostik und Therapie von Tropenkrankheiten auch die Behandlung von internistischen Erkrankungen sowie die Erkennung und Therapie geburtshilflicher Probleme einschließlich der Durchführung von Geburten. Inzwischen gibt es, dank einer großzügigen Spende, ein digitales Röntgengerät im Krankenhaus, das die diagnostischen Möglichkeiten enorm verbessert hat.

Röntengerät

Das digitale Röntgengerät im Einsatz

Ich bin dankbar für meine Zeit in Serabu

Das German Doctors-Projekt in Sierra Leone ist eine sinnvolle Investition in die Zukunft der armen Bevölkerung: „Hilfe die bleibt“ wird Tag für Tag umgesetzt! Jeder gespendete Euro ist gut angelegt! Die Menschen nehmen das medizinische Angebot dankbar an. Sie gehen dafür oft weite Wege. In ihren Gesichtern kann man Hoffnung ablesen und diese Hoffnung ist gleichzeitig ein unausgesprochener Auftrag an diejenigen, die sich engagieren wollen für eine bessere Zukunft.