Nachbarschaftspflege

Ein Bericht von Einsatzärztin Dr. Ivanca Krznaric aus Dhaka

Schreckliche Zustände in Dhaka

Das neue Dhaka-Projekt der German Doctors ist nun zwölf Wochen alt und dank des guten Teams sehr gut angelaufen. Die drei unterschiedlichen Standorte, die im Projekt vorhanden sind zeigen auch unterschiedliche Patienten. Gerade der Standort in vadayla beschert uns in der Sprechstunde immer ganz besondere Menschen am Rande der Gesellschaft. Ich spreche hier von Drogenabhängigen, Sexarbeiten und transsexuellen Menschen. Daher war es an der Zeit, sich die Zentren, die mit diesen Menschen arbeiten, zu besuchen und uns vorzustellen.

„Kalt duschen gegen den Entzug“

Im Gespräch mit den Mitarbeitern des Transcenters

Als erstes besuchen wir das Projekt der Caritas welches Menschen die drogenabhängig sind unterstützt. Die am häufigsten konsumierte Droge hier ist Yaba, ein Gemisch aus Amphetaminen und Koffein. Das Zentrum befindet sich in einer kleinen Seitenstraße. Die Straße ist so eng, dass noch nicht mal eine Rikscha durchpasst. Wir betreten einen dunklen Raum in dem circa 20 Männer auf dem Boden sitzen und uns erwarten. Es ist ein Zentrum nur für Männer. Ihre Augen sind glasig und der Blick Wirkt leer. Das Zentrum hat nicht den Anspruch, dass die Menschen clean sind, vielmehr soll ihnen eine Tagesstruktur geboten werden, damit der Drogenkonsum reduziert wird. Einige von ihnen erzählen uns ihre Geschichte und den Grund, warum sie Drogen konsumieren. Familienprobleme, Arbeitslosigkeit, Existenzängste und so weiter. Also Themen die man auch in Deutschland kennt, wenn man drogenabhängigen arbeitet. Wir fragen den Sozialarbeitern, ob es sowas wie ein Substitutionsprogramm gibt. Das gibt es jedoch nur in Dhaka City und nur für Menschen die intravenös konsumieren. In Savar gibt es von der Caritas das Rehazentrum Baraca (Bangladesh rehabilitations and assistances center for addicts). Ein Zentrum in dem man für 6 Monate eine Reha Maßnahme machen kann. Hierbei ist es allen wichtig, dass die Familien in den Prozess mit eingebunden werden. Allerdings ist die Warteliste lang. Als wir die Sozialarbeiter hier im tageszentrum Fragen wie hier die Entzugssymptome behandelt werden antwortet er, „kalt duschen, das hilft am besten.“

Dichter Rauch schwebt über Dhaka

Zwei Straßen weiter befindet sich ein weiteres Projekt der Caritas. Es heißt Prochesta und wendet sich an „ sexworker“. Mukti, die Leiterin begrüßt uns. Sie ist selber früher anschaffen gegangen, leitet nun das Zentrum und unterstützt die Frauen. Sie zeigt uns einen Raum, in dem Nähmaschinen stehen und wo die Frauen lernen sollen damit umzugehen. Als garmentworker einen Job zu bekommen, wäre eine Ausstiegsmöglichkeit. Im Nachbarraum warten circa 15 Frauen auf uns. Das Alter ist schwer zu schätzen. Zwischen 15 und 40? Ich kann es nicht sagen. Die Frauen lächeln und irgendwie ist die Stimmung fröhlich. Kann man so etwas überhaupt sagen in so einem Setting? Wir kommen ins Gespräch und fangen an, zu plaudern. Sie erzählen mir, dass sie im Zentrum alle 3 Monate STD Kontrollen machen können. Ich frage, ob sie immer ein Kondom benutzen, wenn sie sich mit ihren Kunden treffen. Ein einstimmiges „Ja“ kommt zurück. Und einige betonen nochmal nachdrücklich: niemals ohne. Ich denke mir, Mukti hat fabelhafte Arbeit geleistet. Eine Frau erzählt, dass sie ihren heute siebenjährigen Sohn aus Dankbarkeit nach dem Zentrum benannt hat. Und während wir so plaudern, fällt mir die ruhige Frau in der Ecke auf. Sie wirkt traurig und scheint meinen Blicken auszuweichen. Da der Raum recht dunkel ist, fällt es mir erst spät auf: das blaue Auge. Mukti erzählt mir später, dass es nicht selten ist das die Frauen von den Freiern geschlagen werden.

Das Abschneiden der Haare hilft

Das dritte Zentrum liegt nicht in Laufnähe. Es ist die Anlaufstelle für MSM und Trans Menschen. Und es ist kein Projekt der Caritas, sondern bekommt die Unterstützung über einen global found. Die Räume befinden sich in der zweiten Etage und wir werden von 5 jungen männlichen Mitarbeitern herzlich begrüßt. Ahad Ali, der Manager führt uns rum und erzählte dabei von seiner Arbeit und den Übergriffen die es immer auf Trans Menschen gibt. Oftmals wird ihnen von den Familien unter Zwang die Haare angeschnitten. Als Symbol dafür, dass nun alles wieder „normal und gut“ sei. Auf das Zentrum hat es auch schon viele Angriffe gegeben. Es sei jedoch in den letzten Jahren besser geworden. Man wird nicht akzeptiert aber toleriert.

Dr. Krznaric im Gespräch mit der Leiterin des Sexworker-Centers

Auch hier kann man sich auf STDs untersuchen lassen. Ahad Ali erzählt uns, dass die Zahl der HIV Infektionen in letzter Zeit stark angestiegen ist. Mir fällt an der Wand eine Statistik auf zu STI auf der 3 Gruppen stehen. MSM, Hijra (das Wort für transsexuell in Südostasien) und MSF. MSF? Männer, die Sex mit Frauen haben? Ich frage ihn, ob die Abkürzung eine andere Bedeutung hat als ich sie kenne oder ob hier auch heterosexuelle Männer hinkommen. Er erzählt mir, dass viele Ehen ja arrangiert sind und die Männer eigentlich homosexuell leben, es aber so nie angeben würden.

Drei Zentren die unterschiedlicher nicht sein könnten und die mich alle drei beeindruckt haben. Vier Tage später habe ich wieder Sprechstunde in Vadayla. Und als ich an den wartenden Patienten vorbeigehe, erkenne ich Gesichter aus den Zentrum zwischen all den anderen und nicht als Randgruppe.