In Blessing* (heute 19 Jahre) haben die Eltern große Hoffnung gesetzt. Sie ist die fünftälteste von neun Geschwistern und das erste Familienmitglied, das eine weiterführende Schule besucht hat. Die Familie lebt in ganz einfachen Verhältnissen auf dem Land. 2021 passiert die Katastrophe: Blessing wird mit 16 Jahren nach einer kurzen Beziehung zu einem Mann schwanger. Als sie die Schwangerschaft feststellt, nimmt sie all ihren Mut zusammen und erzählt es ihrer Mutter. Die jagt sie aus dem Haus. Blessings Geschichte ist kein Einzelfall in Kenia, der Prozentsatz an Teenagerschwangerschaften – vor allem in armen Gegenden – ist sehr hoch. Und auch die Reaktion von Blessings Mutter hören die Mitarbeitenden im Linda Binti-Projekt leider häufig: „Scham, Frustration, Zukunftssorgen und das Gefühl, als Eltern versagt zu haben, führen eher zu ablehnendem Verhalten als zur Unterstützung“, erzählt Anne Ochieng, Mitarbeiterin vor Ort.
Warum werden so viele Minderjährige in Kenia schwanger?
Die Jugendlichen sind nicht aufgeklärt und wissen wenig über ihren Körper. 38 Prozent gaben in unserer Befragung an, im letzten Jahr keine Informationen über sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte erhalten zu haben. An Verhütungsmittel zu kommen, ist im Slum schwierig. Sie zu benutzen verpönt. 48 Prozent der sexuell aktiven Jugendlichen behaupteten, nie ein Kondom zu benutzen. Das Risiko für ungewollte Schwangerschaften und Ansteckungen mit sexuell übertragbaren Infektionen (STIs) ist folglich hoch. Nicht zu vergessen die hohe HIV-Rate in Kenia. Per Gesetz ist in Kenia Geschlechtsverkehr für unter 18-Jährige verboten. Das macht die Aufklärung und den Zugang zu Verhütungsmitteln schwierig. Hinzu kommt weitverbreitete sexualisierte Gewalt: Teenagerschwangerschaften entstehen häufig durch Übergriffe (Missbrauch und Vergewaltigung). Außerdem bringt die in den Slums existierende große Armut Mädchen immer wieder dazu, sich in sexuelle Beziehungen zu begeben, für die sie als Gegenleistung, Nahrung oder kleine Geschenke bekommen. So auch Blessing. Sie lässt sich auf die Beziehung ein, da der Mann ihr ab und an etwas zu essen kauft. Kaum ist sie schwanger, verschwindet er.
Kurzer Lichtblick und erneute Katastrophe – Wie Blessings Leben weitergeht
Zuflucht und Unterstützung findet Blessing in ihrer schwierigen Situation bei ihrer großen Schwester, die verheiratet und ebenfalls schwanger zusammen mit ihrem Mann in Nairobi lebt. Ihre Hoffnung: Nach der Geburt ihres Kindes würden sich die Gemüter der Eltern allmählich beruhigen und sie könne zurück nach Hause und ihre Ausbildung fortsetzen. Doch es kam anders: Nur wenige Monate nach der Geburt des Kindes ist ihr Schwager die zusätzliche Verantwortung leid. Er wird aggressiv und ihre Schwester kann sie kaum mehr vor dem gewalttätigen Ehemann schützen. Das Leben im Haus ist unerträglich. Und so lässt sich Blessing auf eine neue Beziehung ein, um ein Dach über dem Kopf und etwas Ruhe für sich und ihr Kind zu finden. Im dritten Monat ihrer Beziehung ist sie wieder schwanger. Und es folgt die nächste Katastrophe: Der Mann verunglückt und stirbt. Sie bleibt mit den beiden Kindern zurück. Verzweifelt. Nun zweifache Mutter, ohne jegliche Ausbildung und allein. In ihrer Not versucht sie den Vater ihres ersten Kindes ausfindig zu machen, was ihr gelingt. Doch der will sie nicht mit zwei Kindern aufnehmen. Sie hat keine andere Wahl, als zu ihrer Schwester zurückzukehren. Und diese bringt sie dann glücklicherweise in unser Projekt. „Seitdem erlebe ich einen Neuanfang“, erzählt Blessing.
Unterstützen und Perspektive geben – so hilft das Linda Binti-Projekt
Blessing hat sich nach ausführlicher Beratung für eine langfristige Familienplanungsmethode entschieden, um sich vor weiteren ungewollten Schwangerschaften zu schützen. Das Kontrazeptivum bekommt sie von unserem Partner Baraka Healthnet. Mithilfe des Verkaufs von Obst und Mittagessen an Schulkinder hält sie sich finanziell über Wasser. Zeitgleich absolviert sie eine Ausbildung als Schneiderin. Dies soll ihre langfristige Einkommensquelle werden. Als Starthilfe für ihre Selbstständigkeit bekommt sie von uns eine Nähmaschine finanziert. Blessing lebt heute selbstbestimmt mit ihren Kindern in einer kleinen Hütte. Von ihrem zukünftigen Einkommen möchte sie etwas Geld für die Ausbildung der Kinder sparen, die sie selbst damals abbrechen musste.
*Der Name wurde von der Redaktion geändert.
Seit 2021 gibt es das Projekt namens „Linda Binti“ in Nairobi und Korogocho. Das Ziel: Junge Menschen über ihre sexuelle und reproduktive Gesundheit und Rechte aufzuklären und Methoden der Familienplanung zur Verfügung zu stellen. Wie das geschieht? In den Schulen sowie außerhalb finden Aufklärungsveranstaltungen statt. Der sensible Umgang mit den Jugendlichen ist wichtig, sodass diese sich trauen, Beratungsangebote in Anspruch zu nehmen. Schwangere Mädchen werden unterstützt und medizinisch betreut. Nach der Geburt erhalten die Teenagermütter Betreuungsoptionen, um ihre Ausbildung in Schule oder Beruf wiederaufnehmen bzw. beginnen zu können. Sehr bedürftige Mädchen werden an das Ernährungsprogramm unseres Partners Baraka Healthnet überwiesen. Auch das Gesundheitspersonal, das täglich Hausbesuche in den Gemeinden durchführt, ist geschult. Sie identifizieren betroffene Mädchen und leiten diese an das Projekt weiter. Bei Fällen von sexualisierter Gewalt unterstützt das Personal dabei, einen sicheren Ort für die Mädchen zu finden sowie die Tat zur Anzeige zu bringen. Auch für individuelle psychologische Hilfe wird gesorgt. Ab dem Frühjahr gibt es auch in Athi River in der Nähe unserer Ambulanz Fanaka ein solches Angebot. Der Bedarf ist riesig.