Von Regen, Geduld und Zuversicht – Meine Zeit in Luzon, Philippinen

Ein Bericht von German Doctor Dr. Nadia Böss

„Lastly, manage your expectation“ – mit diesen Worten hatte mich die lokale Koordinatorin Valen Libalib per E-Mail vor meiner Anreise auf die Philippinen auf die einfachen Bedingungen der Unterkunft eingestimmt. Natürlich hatte ich trotzdem meine Vorstellungen und Erwartungen – ich war sehr gespannt und etwas aufgeregt vor dem, was mich erwartete. Viele Wochen der Vorbereitungen, inklusive eines Behördenmarathons für Visum und Arbeitserlaubnis, mehrerer Impfungen, Vorbereitungskurse und dem intensiven Studium mir bislang unbekannter Infektions- und Hautkrankheiten, lagen nun hinter mir, als ich Ende Juli 2025 nach Luzon aufbrach.

Nach einer langen und aufregenden Anreise kam ich schließlich am Flughafen in Tuguegarao an. Dort wurde ich von zwei meiner Kolleg:innen in Empfang genommen, und ich konnte mich auf der zweieinhalbstündigen Fahrt nach Luna in Apayao etwas entspannen und die wunderschöne Landschaft genießen. Luna liegt ganz im Norden von Luzon, der nördlichsten Insel der Philippinen. Dort befindet sich das sogenannte „Doctors’ House“ – eine Gemeinschaftsunterkunft für das lokale Team und die beiden Einsatzärzte. Leider war ich in meinem Einsatz auf mich allein gestellt, wurde jedoch von meinem Team sehr warmherzig aufgenommen. In den ersten Tagen hatte ich die Möglichkeit, mich etwas zu akklimatisieren, während das Team die Apotheke und Materialien neu bestückte. Die Temperaturen lagen tagsüber konstant zwischen 32 und 35 Grad Celsius, nachts kühlte es kaum unter 27 Grad ab. Da es Regenzeit war, war die Luftfeuchtigkeit extrem hoch, und es regnete fast jeden Nachmittag. Es dauerte eine Weile, bis ich mich an das Klima gewöhnt hatte.

© Nadia Böss

Meine erste Tour führte uns in die Provinz Conner, die weiter südlich in den Bergen Luzons liegt. Frühmorgens brachen wir auf die fast dreistündige Fahrt über gewundene Bergstraßen auf. Die atemberaubend schöne Landschaft mit Bergen und tropischem Regenwald lenkte uns ein wenig davon ab, „seekrank“ zu werden. Der erste Tag war sehr aufregend, da vieles neu auf mich zukam. Als wir in Buluan im kleinen Health Center ankamen, warteten bereits etwa 30 Patient:innen geduldig auf uns. Rasch bauten wir die Apotheke und unser Sprechzimmer auf – und dann ging es direkt los. Viele Beratungsanlässe unterschieden sich gar nicht so sehr von denen in Deutschland – etwa die Blutdruck- und Blutzucker-Einstellung. Anfangs musste ich mich an die begrenzte Auswahl an Medikamenten gewöhnen, doch insgesamt waren wir für die meisten Behandlungen gut ausgestattet.

© Nadia Böss

Einer der häufigsten Konsultationsgründe waren Atemwegsinfekte, die vor allem in der Regenzeit häufig auftreten. Auch Hauterkrankungen sah ich sehr oft – und dank der hervorragenden Fortbildungen des ehemaligen Einsatzarztes und Dermatologen Dr. Heino Hügel war ich gut vorbereitet. Besonders Skabies (Krätze) plagte viele meiner Patient:innen. Der juckende Hautausschlag raubt den Menschen häufig den Schlaf. Im warmen, feuchten Klima gedeihen die Milben besonders gut, und durch das enge Zusammenleben in Großfamilien verbreiten sie sich rasch. Die Behandlung ist eigentlich einfach – eine einmalige Lotion und das Waschen sämtlicher Textilien –, aber die Herausforderung liegt darin, die gesamte Familie zur Mitbehandlung zu bewegen. Oft waren nicht alle gleichzeitig symptomatisch, was die Überzeugungsarbeit erschwerte. Auch allergische Hauterkrankungen und Pilzinfektionen waren häufige Befunde und wir konnten vielen Patient:innen gut helfen.

Eine weitere Erkrankung, mit der ich in meiner bisherigen Laufbahn kaum Kontakt hatte, ist die Tuberkulose – auf den Philippinen leider weit verbreitet. Sie wird durch ein besonders hartnäckiges Bakterium verursacht, das sich nur langsam teilt und daher schwierig abzutöten ist. Die Therapie ist langwierig, aber bei konsequenter Einnahme ist die Erkrankung glücklicherweise heilbar. Ich schickte viele Patient:innen mit Verdachtsfällen zur Röntgendiagnostik. Einige Schicksale gingen mir besonders nahe, darunter das einer abgemagerten älteren Frau, die über starken Gewichtsverlust und blutigen Husten klagte. Ihr Mann, der nicht zur Sprechstunde kommen konnte, litt an denselben Symptomen. Ich wollte das Ehepaar ins Krankenhaus einweisen, doch meine Kolleg:innen erklärten mir, dass das unmöglich sei – ohne Angehörige, die für Pflege und Verpflegung sorgen, ist ein stationärer Aufenthalt nicht möglich. Solche Situationen machten mir schmerzlich bewusst, mit welchen Hürden die lokale Bevölkerung zu kämpfen hat – und gleichzeitig, wie privilegiert wir in unserem System leben.

© Nadia Böss

Eine Begegnung, die mich besonders berührt hat, war die mit einer jungen Frau mit schwerer postpartaler (nach der Geburt) Depression, einer Form der Depression, die nach der Geburt eines Kindes auftreten kann. Sie kam gemeinsam mit ihrer Cousine zu mir – und ich war bewegt von der liebevollen Fürsorge, die ihre Familie ihr entgegenbrachte. Ich wünschte, ich hätte mehr für sie tun können, denn diese Erkrankung ist für die Betroffenen extrem belastend. Letztlich konnte ich ihr nur erklären, was mit ihr geschieht, ein Antidepressivum ansetzen und ihr Mut zusprechen. Für mich war sie eine unglaublich starke und mutige Mutter – allein, weil sie diesen Schritt gegangen ist und sich Hilfe geholt hat. Auch wenn ich sie am liebsten zur stationären Behandlung überwiesen hätte, musste ich darauf vertrauen, dass ihre Familie gut auf sie achtgeben würde – eine stationäre psychiatrische Abteilung war leider in der Region nicht vorhanden.

Eine andere, ganz eigene Herausforderung waren die Naturgewalten. Immer wieder spürte ich, wie verletzlich das Leben hier ist. Einmal musste ich meine Freizeitpläne ändern, weil ein Supertaifun angekündigt war. Meine Teammitglieder waren sichtlich besorgt – und auch in mir machte sich Angst breit. Zum Glück drehte der Taifun schließlich ab, und wir blieben verschont. In Pagudpud aber sah ich später die Folgen eines Sturms mit eigenen Augen: zerstörte Gebäude, abgedeckte Dächer, umgestürzte Palmen. Dort habe ich auch zum ersten Mal ein Erdbeben erlebt – zum Glück nur ein kleines. Ich lag im Bett, als plötzlich alles zu wackeln begann. In diesem Moment wurde mir die Gewalt der Natur richtig bewusst. Der heftige Regen kann innerhalb kürzester Zeit zu massiven Überschwemmungen führen, und Erdrutsche sind keine Seltenheit. Für die Menschen hier ist das Alltag – für mich war es eine ganz neue, ehrfurchtgebietende Erfahrung. Dabei ist spürbar, dass die zunehmende Häufigkeit und Intensität solcher Naturereignisse eng mit den Folgen des Klimawandels zusammenhängt – eine Entwicklung, die die ohnehin verletzlichen Gemeinden noch stärker belastet.

Trotz all dieser Schwierigkeiten zeigten die Menschen eine unglaubliche Resilienz, die ich wahnsinnig inspirierend fand. Viele Schicksale wären zum Verzweifeln – und doch nehmen die meisten Menschen hier jeden Tag so, wie er kommt. Ein Satz, den ich einmal hörte, hat sich mir besonders eingeprägt: „God only gives you challenges you can overcome.“ Er stammt von einer Mutter, die selbst das Schlimmste erlebt hat, was man sich vorstellen kann – den Verlust ihres Kindes. Und trotzdem bewahrt sie diese Überzeugung, dass jeder Schicksalsschlag einen Sinn hat und dass man daran wachsen kann. Diese Haltung hat mich tief bewegt. Insgesamt durfte ich erleben, dass die Philippin@s eine ausgeprägte „Hands-on“-Mentalität haben. Probleme oder Hürden wurden selten beklagt – stattdessen suchte man nach pragmatischen, kreativen Lösungen. Diese Widerstandsfähigkeit und Lebensfreude haben mich nachhaltig geprägt.

© Nadia Böss

Trotz aller schwierigen und traurigen Momente gab es jedoch auch viele schöne. So konnte ich einer Schwangeren zum ersten Mal ihr Baby mit dem Ultraschallgerät zeigen – und wir konnten sogar das Geschlecht erkennen: ein Mädchen! Die Freude der Frau war ansteckend. Auch vielen Kindern mit Infektions- und Hauterkrankungen konnten wir schnell und einfach helfen, oft auch mit kleinen Hausmitteln – wie Inhalationen mit Salzwasser, altbewährten Wadenwickeln oder selbstgekochtem Hustensaft aus Lagundi-Blättern. Die Kinder habe ich besonders gerne behandelt – auch wenn ich anfangs als Internistin etwas Berührungsängste hatte. Die meisten Kleinen waren fasziniert von meinem neongelben Stethoskop – und vielleicht konnte ich ja den einen oder anderen kleinen Patienten für die Medizin begeistern.

Rückblickend war dieser Einsatz nicht nur eine berufliche, sondern vor allem eine persönliche Reise. Ich habe gelernt, gelassener zu bleiben – nicht in Panik zu geraten, wenn der Busfahrplan „it’s coming anytime“ lautet oder eine lange Schlange von Patient:innen auf mich wartet. Ich habe Vertrauen entwickelt – darauf, dass der Bus schon kommen wird, dass sich Dinge fügen und dass auch große Herausforderungen Schritt für Schritt zu bewältigen sind. Vor allem aber habe ich gelernt, das Gute in schwierigen Situationen zu sehen. Diese Zeit hat mir meine eigenen Privilegien sehr deutlich vor Augen geführt – und den Wunsch gestärkt, etwas davon weiterzugeben. Vielleicht ist das am Ende genau das, was Valen meinte, als sie schrieb: „Manage your expectations.“