KJKS ist der Hammer, Kharikamathani, 13.1.26

Ein Bericht von German Doctor Dr. Hartmut Göpfert

Dies ist mein 5. Einsatz in Indien und mein zweiter im Projekt Jhargram (kurz nach Eröffnung 10/23; Jhargarm ist der District, Kharikamathani der Ort). Da könnte man denken: alles bekannt…? Aber dieses Land kennt man nie, es ist einfach zu groß und vielfältig.

Bananen im Garten

Über den Verkehr und andere abweichende Sitten hatte ich 2017 zweimal geschrieben, über Medizinisches 2022 (s. a. Blog Dr. Margret Bautz vom 7.8.24). Heute geht es (auch) um Soziales.

Im Garten der Unterkunft, die 2023 ein Jahr alt war, wachsen jetzt Bananen, wenn auch noch zu klein für den Verzehr.

Ein Stück die Straße hoch hat unsere indische NGO KJKS (Kajla Janakalyan Samity, „Good Health“) inzwischen ein Haus mit großen Räumen gebaut, das als Schule genutzt und in Kürze eröffnet werden wird.

 

Das Schulgebäude

Elterntag in der Schule; vo.li.: Swapan Panda, Direktor KJKS, daneben Anirban Chakrabarti, Projektleiter Jhargram Distrikt

Toilette an Clinic, Bagansai

Die Standorte für die Patientenversorgung (Clinics) haben sich, im Vergleich zu meinem letzten Einsatz im Oktober 2023, geringfügig geändert; zum einen gibt es neue Toiletten nach westlichem Standard (noch nicht vollständig), zum anderen ist man in andere Gebäude in der Nachbarschaft gewechselt, u. a. wegen Straßenbaus. Das Personal ist zu 90 % konstant geblieben, was ich als Ausdruck der Zufriedenheit bewerte.

Die Patientenversorgung ist etwas reduziert, was sich zum einen saisonal erklärt (Reisernte abgeschlossen, Verarbeitung steht an), zum anderen ist der Nachmittag mit dem „Training“ der freiwilligen Gesundheitshelferinnen der Gemeinde belegt (CHV, community health volunteer). Dafür werden vorzugsweise verheiratete Frauen ausgewählt, da sie zur Familie des Mannes ziehen und damit relativ sicher ist, dass sie in der Gemeinde bleiben werden. Sie haben kleine reguläre Ausbildung, aber bereits erworbene medizinische Praxis, können überwiegend schreiben und lesen, aber nicht in Englisch. Sie kennen die Gemeindemitglieder sehr gut und wenn man einen Fall nachhaken möchte, gelingt das mit Beschreibung von Ort und Thema auch ohne Patientendaten oder Krankenkarte, die üblicherweise bei den Patienten verbleibt (leichter geht es natürlich, wenn man die Daten der Patienten hat).

 

Die indischen Kollegen Santanu Tudu und Debasish Makato, Leiter des „Superspe-ciality Hospital“ in Kharikamathani während der Sprechstunde

So konnte anhand alter Fotos ein 10-Jähriger für mich einbestellt werden. Er zeigte vor 2 Jahren Augenveränderungen, die Hinweis auf einen Mangel an Vitamin A sein können (Bitot-Flecken), zumal aus dem Vorsorgeheft verpasste Termine für die Gabe von Vitamin A ersichtlich waren. Vitamin A wurde damals verabreicht. Ein Frühsymptom ist Nachtblindheit, fortgeschritten kann der Mangel zu Erblindung führen. Er hatte jetzt keine Sehstörungen.

Diese Schulung macht viel Spaß, weil sie fast alle sehr offen, interessiert und neugierig sind, wie die meisten jungen Menschen, die ich getroffen habe.

Unverändert werden wir unterstützt von den beiden indischen Krankenhaus-Kollegen Santanu Tudu, der dem lokalen Stamm der Santal angehört und sich zur Verbesserung deren Lebensumstände verpflichtet sieht, und Debasish Makato, der das „Superspeciality Hospital“ in Kharikamathani leitet. Sie sind bei Spezialfragen eine große Hilfe und sehen ihre Hauptaufgabe im Screening nach Bluthochdruck (Hypertonie, HT) und Blutzuckerkrankheit (Diabetes Mellitus, DM; in Indien wird sehr viel abgekürzt).

Natürlich gibt es viele weitere Erkrankungen und Befindlichkeitsstörungen, wenn auch teils andere als in Deutschland. So kann die Diskrepanz entstehen, dass der Patient mit Rückenbeschwerden kommt und mit Diabetes m. geht, was ihn aber nicht sehr interessiert, da er davon kaum Beschwerden hat (genetisch bedingte Variation ohne Durstgefühl oder Übergewicht). Ich würde das Screening um Blutarmut (Anämie) erweitern. Es herrscht generell eine Anämie in der indischen Bevölkerung, bei Frauen stärker als bei Männern (medizinisch: in unserem Projekt schätze ich den durchschnittlichen Hb-Wert auf 10 mg/dl, oft liegt er deutlich darunter und die Grenze zur Transfusion wird hier bei 7,5 gesehen). Transfusionen geschehen zügig, unkompliziert und kostenlos im staatlichen Krankenhaus, es muss „nur“ der Transport organisiert werden, ggf. mit Begleitung. Das geschieht über unseren Dienst und ich erlebe es mehrmals die Woche. Seit kurzem gibt es ein Schnellmessgerät am Tisch, das unblutig an der Fingerkuppe misst (wie ein Pulsoxymeter). Das Hauptproblem ist, dass für die App das Internet benötigt wird.

Den stärksten Eindruck bekomme ich dieses Mal jedoch von unserer NGO: KJKS.

Fest zur 82-Jahrfeier von KJKS

Obwohl ich im letzten Jahr zur 80-Jahrfeier in der Zentrale in Contai war und den Direktor Swapan Panda kennen gelernt habe, habe ich deren Wirkbereich unterschätzt. KJKS wurde 1944 gegründet, hat 250 „paid volunteers“ und setzt sich für Benachteiligte sowie Kinder und Jugendliche ein. Dies geschieht zum einen indirekt, indem sie über garantierte Rechte aufklären und an der Umsetzung mitwirken, zum anderen direkt durch Kampagnen (Ehe unter 18, Verhütung, Alkoholmissbrauch – in einigen Dörfern verbreitet, eigene, kleine Brennküchen: ungewohnt, in Indien schon morgens betrunkene Frauen zu untersuchen…) und durch Mittelvergabe wie warme Kleidung/Decken, Netze und Plastikrohre für den Gemüseanbau, Thermosflaschen, Müllbeutel – liegen zu hunderten auf unserer Terrasse – und das ist nur das, was ich selbst gesehen habe, zum Teil auf dem jährlichen Fest von KJKS über 2 Tage zum Jahresabschluss. In unserer Unterkunft sind häufig Mitarbeitende, die man nicht kennt, weil sie nicht in unserem medizinischen Projekt arbeiten. Sie bearbeiten mit Familien Anträge (und händigen auch Mittel aus).

Mitarbeitende mit Schläuchen und Netzen am Rande des KJKS-Festes

Swapan Panda, Direktor KJKS auf dem Jahresfest

Wenn man bedenkt, dass KJKS jetzt 82 Jahre besteht, im District Jhargarm seit 1996 tätig ist und das medizinische Projekt „Good Health“ in Kooperation mit den German Doctors seit 2023 besteht, dann muss man als Arzt bescheiden sein und erkennen, welche kleine Sparte wir doch sind. Und wenn man weiß, dass diese enorme Arbeit – enorm hinsichtlich des Umfangs und der Bedeutung für die sehr arme Landbevölkerung – allein spendenfinanziert ohne jegliche staatliche Unterstützung geleistet wird, dann gilt das umso mehr.

Hartmut Göpfert, 10.1.26