Manchmal ist weniger mehr

Als Kinderärztin in Buda auf den Philippinen

Nach langer Planung und Vorbereitung finde ich mich also mehr oder weniger einsatzbereit im Buda Community Health Care Center wieder. Ich war zwar bereits einige Male als Kinderärztin in einem der ärmeren Länder der Welt unterwegs, aber es handelt sich um meinen ersten Einsatz für die German Doctors, so dass ich letztlich nicht weiß, was mich erwartet. Ich weiß nur, dass das Buda CHCC irgendwo auf Mindanao liegt, wo genau aber nicht, denn auf keiner Karte – nicht mal bei Google Maps – war dieser Ort auffindbar.

Das Buda Community Health Care Center

Das Buda Community Health Care

Nach langer Anreise komme ich erschöpft dort an und werde freundlich von den Mitarbeitern begrüßt und herumgeführt. Eine Einarbeitung gibt es nicht und so werde ich am übernächsten Tag „ins kalte Wasser geworfen“. Der Vorteil an unserem Beruf ist, dass man relativ schnell „funktioniert“, und das muss man hier auch, denn die großen und kleinen Patienten sind darauf angewiesen. Da es sich um ständig fortlaufende medizinische Projekte mit einem konstanten Team einheimischer Mitarbeiter handelt, funktioniert das meist sehr reibungslos und effektiv. Es ist ein Wunder, wie es die philippinischen Mitarbeiter schaffen, sich alle 6 Wochen wieder auf einen neuen deutschen Arzt einzustellen… Überhaupt muss ich sagen, dass dies ohne deren Engagement und Kooperation alles nicht funktionieren würde. Und besonders dankbar bin ich, dass sie so herzlich und nett zu uns sind, dass man ich sofort willkommen fühlt!

Ein Teil des Teams

Ein Teil des Teams

Das CHCC versorgt ambulante und stationäre Patienten aus der gesamten Region und der Andrang ist groß, da die Anzahl derer, die unterhalb der Armutsgrenze leben, nur hier kostenlose medizinische Behandlung findet. Teilweise reisen die Kranken einen ganzen Tag an. Der Schwerpunkt liegt auf der Versorgung Schwangerer/ Mütter und Kinder, so dass neben der philippinischen „Allrounder-Ärztin“ immer ein Frauenarzt, ein „Erwachsenenarzt“ (Internist, Allgemeinmediziner, Chirurg oder welche Fachrichtung auch immer) und ein Kinderarzt vor Ort sind. Die vorstelligen Patienten werden uns also je nach Fachrichtung in unser Behandlungszimmer geschleust. Dabei fällt mir auf, wie unglaublich gut alles organisiert ist, obwohl alles nur mit Karteikarten und handschriftlichen Dokumentationen festgehalten wird.

In der Wartehalle

In der Wartehalle

Der Tagesablauf gleicht dem zuhause gewohnten: Um 8:00 Uhr gemeinsame Visite, danach Entlassungen und Vorsorgen bei den Neugeborenen.

Unsere Kinderärztin bei der Untersuchung

Untersuchung eines Neugeborenen

Im Anschluss geht es in die Ambulanz, wo mir meine Übersetzerin tatkräftig zur Seite steht. Den nicht enden wollenden Strom der Patienten (täglich pro Arzt zwischen 25 und 80 ambulante Patienten) glaubt man am Anfang nicht bewältigen zu können.

Warum werden es draußen nie weniger Patienten?

Warum werden es draußen nie weniger Patienten?

Allerdings stelle ich fest, dass man die Patienten problemlos und ohne Kosten auf die Versorgung im 2-3 Minuten-Takt durchschleusen kann, wenn man „nur“ Medizin macht, keine umständlichen (dafür aber rechtssicheren) Berichte im Computer schreibt, die Rezepte nur noch unterschrieben werden müssen und man keine komplizierten Elterngespräche führt. Die Krankheitsbilder in der Ambulanz sind überraschenderweise zu etwa 80% das, was ich auch von zuhause kenne: Durchfallerkrankungen, Bronchitis, Lungenentzündungen – nur eben meist fortgeschrittener… Daneben gibt es aufgrund der mangelnden Hygiene mehr als verrückte Hauterkrankungen, die ich bisher nur aus Büchern kenne, und natürlich auch die ein oder andere „Tropenkrankheit“, wie Typhus, Dengue-Fieber oder auch einmal Tuberkulose.

Eine Mutter mit ihrem Kind in der Ambulanz

Eine Mutter mit ihrem Kind in der Ambulanz

Unterbrochen von der nie gestörten Mittagspause geht es bis abends weiter in der Ambulanz. Zwischendurch muss man nach den stationären Patienten schauen oder wird zu einem Notfall oder zu einer Geburt gerufen.

Einer unserer stationären Patienten

Einer unserer stationären Patienten

Den Abschluss des Tages bildet die Spätvisite und Übergabe bis 18:00Uhr. Danach ist nur noch einer von uns bis zum nächsten Morgen für die anfallenden Arbeiten zuständig. Allerdings heißt das auch: 36-Stunden-Dienst etwa alle 3 Tage. Zum Glück wird man hier aber viel weniger als zuhause geweckt…

Im „Dienst“ ist man dann natürlich für alles zuständig. Das heißt für mich als Kinderärztin, dass ich mich plötzlich mit Nadel und Faden wiederfinde, obwohl ich das in den letzten 5 Jahren höchstens beim Sockenstopfen geübt habe. Glücklicherweise verlernt man Nähen ja nie ganz und so finde ich doch wieder eine gewisse Freude an Tätigkeiten, die man zuhause lieber den Chirurgen überlässt.

Ein Schnittwunde muss genäht werden

Ein Schnittwunde muss genäht werden

Neben den chirurgischen Tätigkeiten darf man auch sein anästhesistisches Können wieder voll einbringen, denn jeden Tag steht die eine oder andere kleine Operation an: sei es einen Abszess zu spalten, eine der häufig vorkommenden Verbrennungswunden zu reinigen (es wird in den Hütten bei offenem Feuer gekocht) oder eine Ausschabung bei einer Frau, die nach der Geburt nachblutet. Am Anfang war die permanente Unsicherheit mein ständiger Begleiter, da wir in Deutschland doch sehr dazu neigen, uns zum „Fachidioten“ zu entwickeln. Aber zum Glück findet man sich dann doch recht schnell wieder zurecht und bewältigt die meisten Probleme. Sehr tragisch sind natürlich die Kranken, denen man nicht helfen kann. Die Schwere der Krankheit, die natürlich vergleichsweise eingeschränkten medizinischen Möglichkeiten und vor allem das oft viel zu späte Aufsuchen des Krankenhauses ließen während meines 6-wöchigen Einsatzes 5 Kinder sterben.

Immer wieder werden stark unterernährte Kinder in die Ambulanz gebracht

Immer wieder werden stark unterernährte Kinder in die Ambulanz gebracht

Während ich dort bin, frage ich mich immer wieder, warum ich mir das in meinem Urlaub antue. Denn natürlich ist das ja mein Jahresurlaub, den ich hier verbringe – wie sollte ich sonst so lange am Stück frei bekommen, ohne meinen Job zuhause zu kündigen. Oft bin ich frustriert und traurig, dass ich nicht allen helfen kann. Den deutschen Perfektionismus kann ich lange nicht ablegen. Aber dann sehe ich doch die vielen kleinen Patienten, die es ohne unseren Einsatz vielleicht nicht geschafft hätten, und das lohnt all die Anstrengungen und den Schmerz um das Vielfache. Dass man mit so wenigen Mitteln so viel erreichen kann, ist immer wieder unglaublich. Besondere Freude machen mir die zahlreichen Geburten. Und es ist so viel wert, dass die Frauen in diesem Krankenhaus sicher von ihren Kindern entbunden werden können.

Eine junge Mutter mit ihrem Neugeborenen

Eine junge Mutter mit ihrem Neugeborenen

Und so lerne ich wieder für´s Leben: Geboren werden, leben, Krankheit, Tod… das ist ein ewiger Kreislauf, der gut so ist, wie er ist. Unsere Aufgabe ist es, Leiden zu lindern, Krankheit zu heilen, aber auch zu akzeptieren, wenn ein Mensch geht. Das ist etwas, was wir in den Industrieländern vergessen haben, in denen Leben oft um jeden „Preis“ erhalten werden soll. Doch die Menschen in den ärmeren Ländern wissen noch um das Glück, dass in den kleinen Dingen besteht und so bin ich dankbar, dass ich einen Wimpernschlag meines Lebens dort verbringen durfte, der mich sicherlich lange Zeit begleiten wird.