Heute kam eine Mutter mit ihrem zehnjährigen Sohn in die Ambulanz, der sich vor 2 Wochen den Arm gebrochen hat. Er kam ohne Gips und die Mutter sagte, der Sohn habe noch Schmerzen und könne den Arm nicht richtig bewegen. Erst langsam ließ sich rekonstruieren, dass die Mutter den Gips vorzeitig selbst abgemacht hat, weil Ungeziefer, „bugs“, in den Gips gekrabbelt sei…??? Einen Gips anzulegen ist hier sehr teuer. Ich habe den Jungen an die hiesige indische Kinderärztin weitergeleitet, um zu entscheiden, ob er einen neuen Gips bekommen kann. Die indische Kinderärztin hat wohl sehr mit der Mutter geschimpft… Es gab auch keinen neuen Gips. Gott sei Dank sollte der Gips nach 3 Wochen sowieso abkommen und der Bruch ist nach 2 Wochen hoffentlich schon verheilt….Basismedizin ist keine Medizin in Redundanz und Überfluss… Ein anderer jüngerer Patient, etwa Mitte 20, kommt mit Gewichtsabnahme und Abgeschlagenheit in die Sprechstunde. Auf die Frage, ob er Husten habe, oder in der Vorgeschichte eine Tuberkulose, sagt er nein. Da der Patient sehr ausgemergelt erscheint, liegt die Frage nahe, ob schonmal ein Röntgenbild gemacht worden sei. Ja, das habe er aber nicht dabei. Dann solle er es bringen. Da der Patient in der Nähe der Ambulanz lebt, kam er kurze Zeit später mit dem Röntgenbild der Lunge vorbei, nur einige Wochen alt, mit Zeichen einer akuten Tuberkulose. Da gerade nebenan unser Tuberkulosearzt in der Ambulanz war, wird der Patient direkt dorthin geschickt. Ich frage mich, warum der Patient mir nicht erzählt, dass er hustet und eine Tuberkulose hat. Dazu muss man aber wissen: Tuberkulose und auch eine HIV- Infektion bedeutet eine Stigmatisierung und soziale Ausgrenzung, daher sagen die Patienten manchmal nicht, dass sie Tuberkulose haben oder hatten, bei HIV-Infektionen ist das noch mehr der Fall. Ein anderer Grund kann sein, dass der Patient seine Tuberkulosebehandlung abgebrochen hat und sich nicht getraut hat, das zuzugeben. Diese Therapieabbrüche einer Tuberkulosebehandlung haben ein enormes Risiko einer Entwicklung von sogenannten multiresistenen Tuberkelbakterien. Daher muss laut WHO-Richtlinien alles getan werden, um Therapieabbrüche zu vermeiden, was bei einer 6-9 monatigen Therapie mit bis zu 7 Tabletten oder sogar Spritzen 3 x pro Woche sehr schwierig ist, da die Patienten oft nicht verstehen, dass sie die Behandlung weitermachen müssen, auch wenn es ihnen in ihrem subjektiven Empfinden besser geht…Das sog. DOTS -Programm(direkt observierte Tuberkulosetherapie) hilft beim Durchhalten. Die Patienten müssen vor den Augen von geschultem Personal ihre Tabletten schlucken! Wenn einer nicht zum Termin auftaucht, wird der Patient gesucht, bei Familie und Nachbarn wird nachgefragt, wo der Patient ist. – Jeden Tag erleben wir auch Szenen, wo unsere Patienten nicht verstehen, was bestimmte Diagnosen und Therapien bedeuten. Die Tabletten werden nicht regelmäßig genommen oder der Patient kommt erst verspätet zum Folgetermin. Medikamente von Patienten mit chronischen Erkrankungen werden üblicherweise nur für 4 Wochen ausgegeben, um Verluste, Verkäufe !!und auch Nebenwirkungen und Therapieverlauf im Blick behalten zu können. Teilweise ist es aber für die Patienten wirklich schwierig, die weiten Wege zu den Ambulanzen zu organisieren, oder sie müssen arbeiten oder andere Familienmitglieder sind krank und die Mütter, die ja meist viele Kinder haben, können deshalb nicht rechtzeitig zum Termin kommen. Je mehr Hintergrundwissen man über die Lebensbedingungen unserer Patienten hat, umso mehr kann man verstehen, dass das „disziplinierte“ Einhalten der Therapie oft nicht durchführbar ist. Ganz abgesehen von der Tatsache, dass ja Medikamente teilweise vor oder nach Mahlzeiten eingenommen werden müssen, und unsere Patienten in der Regel wenig und nur unregelmäßig essen können, da sie es sich schlichtweg nicht leisten können. In der Behandlung von Diabetikern und Patienten mit Bluthochdruck kann sich unsere Basismedizin darauf fokussieren, die schlimmsten „Spitzen“ und „Entgleisungen“ zu verhindern…Teilweise werden auch Informationen über bereits eingenommene Medikamente oder Vorbefunde von Patienten nicht mitgeteilt, da sonst die Frage kommt, ob sie sich die Therapien selber leisten könnten. Dann wird sofort eine sogenannte „homevisit“ gemacht. Sozialarbeiter schauen sich das Zuhause des Patienten an, ob er wirklich „arm“ ist und die kostenlose medizinische Versorgung des Kommitees in Anspruch nehmen kann. Grundsätzlich ist mein Eindruck, dass der Großteil unserer Patienten wirklich „bitterarm“ ist, aber es gibt eben immer auch Menschen, die ein kostenloses System ausnutzen…


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Liebe Andrea,
auch ich verfolge interessiert deinen Blog und staune….staune über deinen Mut, deine Energie und deine Gelassenheit!
Ich wünsche dir weiterhin viel Kraft und Segen für deine Arbeit (es ist eine lange Zeit).
Ich bin sicher, dass dir all diese Erfahrungen „zum Besten dienen“…
Arnd ist inzwischen aus Maua/ Kenia zurück und noch nicht wieder ganz in der westlichen Medizin und Lebensart angekommen.
Wer könnte das momentan besser verstehen als du!
Ich bin dankbar, dass er wohlbehalten wieder bei und gelandet ist.
Viele liebe Gedanken und Grüße sendet dir
Su