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Interview mit einem Langzeitarzt

Interview German Doctors

Interview mit einem Langzeitarzt

Von Mitte Oktober 2015 an war Pierre de Waha Langzeitarzt im Nairobi-Projekt. Sein Aufenthalt dort ist nun seit kurzem zu Ende. Wir haben nachgefragt, wie die Zeit dort war, was er vermisste und was er nun vermissen wird.

Pit, Deine Zeit als Langzeitarzt in Nairobi geht bald zu Ende. Für Dich war es der erste Arbeitsaufenthalt in Afrika. Was hattest Du erwartet und wie war es dann tatsächlich vor Ort?

„Ja, dieses Jahr war mein erster Arbeitsaufenthalt in Afrika, insofern habe ich mich mit meinen Erwartungen und Vorstellung erst einmal zurückgehalten. Man gewinnt durch die ganzen Informationen wie die Blog-Einträge zwar einen guten Gesamteindruck, aber letztendlich sieht die Realität natürlich immer anders aus. Was ich schlussendlich vorgefunden habe, war eine im Wesentlichen gut organisierte Ambulanz mit sehr motivierten Mitarbeitern. Bezüglich der Patienten gab es die gesamte Bandbreite von Schwerstkranken bis hin zu solchen Patienten, die eigentlich nichts hatten.“

Wie sah Dein Arbeitsalltag aus?

„Die Arbeit in Baraka ähnelt der eines normalen Hausarztes mit einer etwas anderen Verteilung an Beschwerden und Erkrankungen. Als Langzeitarzt ist man ‚Mädchen für alles‘, also auch Ansprechpartner für Organisatorisches oder wenn einer der Einsatzärzte nicht mehr weiter weiß. Zusätzlich war ich für Ultraschalluntersuchungen zuständig. Außerdem ist man als Langzeitarzt medizinischer Leiter, Mitglied des Management-Teams und Bindeglied zur Organisation in Bonn.“

Was war für Dich vor Ort als Arzt schwierig anzunehmen? Was hat Dich vielleicht positiv überrascht?

„Aus Deutschland ist man es gewohnt, dass für jeden Patienten jederzeit die Maximaltherapie zur Verfügung steht und man daher weiß, was alles möglich ist. Zwar ist in Kenia eigentlich jede erdenkliche medizinische Leistung zu erhalten, aber eben nur für denjenigen, der es sich leisten kann. Da ist es manchmal schwer zu akzeptieren, dass vor allem junge Leute mit z.B. schweren Herzerkrankungen nicht adäquat versorgt bzw. operiert werden können.

Positiv überrascht hat mich das Engagement und die Kompetenz unserer Clinical Officer, welche sich um die Chroniker, z. B. Diabetiker und die HIV- und Tuberkulose-Patienten kümmern.“

Kannst Du ein Fazit über dieses Jahr ziehen?

„Ein Jahr, in dem ich unglaublich viel gelernt habe, sowohl medizinisch als auch menschlich.“

Welcher Patient ist Dir und warum im Gedächtnis geblieben?

„Puh, da gibt es einige. Einen der ersten und prägendsten Eindrücke hinterließ eine junge Frau, HIV-positiv und in Tuberkulose-Behandlung, welche ihre Therapie in einem anderen Landesteil abgebrochen hatte und nach Nairobi gezogen war. Ihre Therapie hatte sie hier nicht fortgesetzt. Eines Morgens wurde uns diese Patientin, welche nur noch aus Haut und Knochen bestand, quasi sterbend in die Ambulanz gebracht. Viel mehr als die Patientin ins Krankenhaus zu fahren, konnten wir dann aber leider nicht mehr machen. Erfreulicherweise gab es nicht so viele Patienten dieser Art.

Selbstverständlich sind mir auch Patienten mit erfreulicherem Behandlungsausgang im Gedächtnis geblieben. So z.B. eine HIV-positive Patientin, welche ebenfalls ihre Therapie abgebrochen hatte. Sie hatte zudem eine Schilddrüsenüberfunktion und daraus resultierend Herzinsuffizienz. Um es kurz zu machen: Es war ein langer Kampf, aber am Ende haben wir die Patientin wieder wirklich gut hingekriegt.“

Was hat Dir in Nairobi am meisten gefehlt?

„Da man in Nairobi alles kaufen kann, was man von zu Hause auch kennt, natürlich Familie, Freunde und meine Freundin. Und richtiges Brot.“

Und was wird Dir fehlen, wenn Du nicht mehr da bist?

„Die kenianischen Kollegen und das gute Wetter. Die ganze Aufgabe und Kollegen wachsen einem nach einem Jahr schon ziemlich ans Herz.“

Gab es dort Freizeitmöglichkeiten oder war man immer im Projekt und kam im Prinzip nicht raus?

„Das Nachtleben, Safaris und sonstige Angebote machen Nairobi zu einer sehr lebenswerten Stadt. Man braucht sich hier wirklich keine Sorgen zu machen, dass man nur im Projekt versauert.“

Was sind Deine Pläne für die nahe Zukunft?

„Ich habe noch gut zwei Monate Zeit, bevor ich meine alte Stelle wieder antreten muss. Von daher erst einmal ein wenig Urlaub. Ansonsten stehen der Facharzt und langfristig vermutlich die Niederlassung als Hausarzt auf dem Programm. So bald wie möglich ist natürlich ein sechswöchiger Einsatz in Kenia geplant.“

Gibt es noch etwas, was Du loswerden möchtest?

„Danke an alle Freunde, Kolleginnen und Kollegen, die das vergangene Jahr zu einer so wunderbaren Erfahrung gemacht haben!“

Auch eine Nachfolge für Pit ist bereits gefunden. Die Schweizer Ärztin Dr. Yvonne Flammer, die bereits afrikaerfahren ist, wird ab Januar 2017 für voraussichtlich drei Jahre nach Nairobi gehen.

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