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Wiederholungshelfer aus Überzeugung

Ein Erfahrungsbericht

„Die Diagnose ‚Melanom‘ setzte bei uns einen alles verändernden Prozess in Gang: Wir stellten fest, dass unser bisheriger Arbeitsalltag, der wenig Raum für Freizeit und Part­nerschaft ließ, nicht unsere Lebenserfüllung war. So gaben wir 1998, nach fast 25 Jahren, unsere große Landpraxis für Allgemeinmedizin in andere Hände und zogen in eine kleine Wohnung nach Norddeutschland. Dann kam der Kosovokrieg und mit ihm die schrecklichen Bilder aus dem Kriegsgebiet. Wir fühlten uns angesprochen, dort zu helfen. Nach Anfragen bei verschiedenen Organisationen verwies uns Rupert Neudeck, Gründer des Cap Anamur/Deutsche Not-Ärzte e.V., an die German Doctors, die damals noch Ärzte für die Dritte Welt hießen. So fanden wir uns im Herbst des Jahres 1999 zwar nicht bei Kriegsversehrten im Kosovo wieder, aber bei Men­schen, die medizinische Hilfe nicht minder nötig hatten: bei bitterarmen Filipinos auf den Müllbergen Payatas und in Bagong Silang. Dort sind die German Doctors seit ihrem Grün­dungsjahr 1983 aktiv, haben ein Gesundheitszentrum aufge­baut sowie Mobile und Rolling Clinics etabliert. Die Mobile Clinics fahren täglich in die Armutsviertel von Manila und kehren abends wieder zum Gesundheitszentrum zurück. In den Rolling Clinics unternehmen die Ärzte regelmäßig zehn­tägige Touren auf der Nachbarinsel Mindoro oder auf Mindanao, der größten Insel im Süden der Philippinen.

Zum Einsatzgebiet der Mobile Clinics gehören unter anderem die Müllberge von Payatas. Hier kommt der gesamte Müll der Großstadt zusammen. Zahlreiche Menschen leben davon, dass sie die Abfälle nach wiederverwertbaren Materialien durchsuchen. Die meisten Patienten hier leiden durch die Aus­dünstungen der Müllberge unter Erkrankungen der Atemwege. Auch ziehen sich insbesondere viele Kinder bei ihrer Arbeitmit oder auf dem Müll Schnittverletzungen und schlimme In­fektionen an Armen und Beinen zu. Die Not der Menschen dort hat uns sehr berührt und zugleich angetrieben. Im Grun­de genommen war Manila als erster Einsatzort für uns ideal. Unsere ehemaligen Praxisschwerpunkte – Allgemeinmedizin, Hauterkrankungen, Pädiatrie, Gynäkologie und Chirurgie – konnten wir gut einbringen und wertvolle Erfahrungen in der Diagnose und Therapie von Tuberkuloseerkrankungen sam­meln. Wir konnten vielen Patienten wirklich helfen, und unsere Hilfe wurde gut und gern angenommen. Auch das einheimi­sche Personal war freundlich, hilfsbereit und gut ausgebildet. Und die Kollegen? Wenn man besondere Menschen kennen­lernen möchte, die wirklich etwas geleistet haben in ihrem Leben, dann trifft man sie an den Einsatzorten!

Natürlich hatten wir auch mit Unannehmlichkeiten zu kämpfen, wie sie typisch für ein Slumviertel sind: Wassermangel, Strommangel, Ameisen, große Kakerlaken und Spinnen, Ratten und Mäuse. Auch die Kommunikation war etwas er­schwert. Die lokale Sprache beherrschten wir nicht, und mit den Projektmitarbeitern haben wir nur Englisch gesprochen. So war es schwierig bis unmöglich, auch die Zwischentöne, zum Beispiel bei der Erhebung einer Anamnese, herauszuhören. Im Laufe unserer Einsätze erlernten wir einige Worte Tagalog – die am weitesten verbreitete Sprache auf den Philippinen –, und so gab es für die Patienten oft etwas zu lachen, wenn wir versuchten, diese Brocken anzubringen. Es gab auch einige besondere Momente. In bleibender Erinnerung wird uns die Hüttensprechstunde auf einer Insel in der Mitte eines glas­klaren Flusses bleiben, ebenso die Entfernung eines Ohr-Plattenepithelkarzinoms bei einem alten ehemaligen Priester, tief im Bergland von Mindoro.

 

Arzteinsatz in Nairobi

 

Alles in allem erfüllte unser erster Einsatz als German Doctors in jedem Fall unsere Erwartun­gen. Wir entschieden uns, weiterzumachen. Inzwischen, 14 Jahre später, blicken wir auf viele Manila-Aufenthalte zu­rück und haben uns bei diesem Projekt auch über unsere Hilfseinsätze hinaus einbringen können: Wir haben den Aus­bau der Müllbergambulanz finanziell unterstützt, einen gynäkologischen Untersuchungsstuhl, eine OP-Liege und eine OP-Lampe gekauft.

Wenige Monate später, im Jahr 2000, lernten wir die Not und das Elend der Menschen in den Slums von Kalkutta kennen. Wir sahen entsetzlich viele Tuberkulosekranke – auch Kinder. Für Letztere gab es bis dahin keine geordnete Therapie. Gemeinsam mit einer Gruppe Kalkutta-erfahrener Ärzte halfen wir, eine Ambulanz für diese Kinder aufzubauen. Nach­dem diese nicht den gewünschten Erfolg brachte – vielen Patienten war der Weg dorthin zu weit, Betreuungspersonen waren unzuverlässig und Medikamente wurden nicht ordentlich ein­genommen –, fasste unsere Ärztegruppe im Jahr 2005 gemein­sam mit Dr. Tobias Vogt, dem sehr erfahrenen Langzeitarzt vor Ort, Dr. Elisabeth Sous-Braun und Dr. Harald Kischlat den Entschluss, Spenden für den Bau einer Kinder-Tuberkuloseklinik zu sammeln.

Dank des Erfolgs beim Spendensammeln und der Unterstützung der Celesio AG sowie der Indiennothilfe konnten wir im Juli 2007 das 30-Betten-Krankenhaus Pushpa Home einweihen. Was für eine Freude! Zwei Jahre später wurde, an das Pushpa Home sowie die benachbarte St.-Francis-Schule angebunden, ein Mädcheninternat eröffnet. Hier leben und lernen derzeit etwa 40 Mädchen zwischen 5 und 17 Jahren. Viele von ihnen wurden im Pushpa Home oder im St. Thomas Home (Frauen-Tuberkulosekrankenhaus) stationär behandelt.

Dass beide Projekte unter dem Schirm der German Doctors gut arbeiten, macht uns sehr zufrieden. Auch sind wir dankbar, dass es die ganzen Jahre gelungen ist, die Kosten für beide Häuser ausschließlich über zwei Spenderkreise zu decken.

Heute blicken wir beide gemeinsam auf 35 humanitäre Einsätze in fünf unterschiedlichen Ländern zurück. Erst kürz­lich fragte uns jemand, ob wir jemals gedacht haben: „Nie wieder! Das war der letzte Einsatz.“ Selbstverständlich gab es Situationen und Tage, an denen wir uns zweifelnd fragten, warum wir uns das alles antun: Die anstrengende Arbeit, manchmal kein Strom und damit auch keinen funktionierenden Ventilator, Wasser aus dem Eimer, kaum Obst, Schlaflosigkeit, Haut­ausschlag durch die anhaltende feuchte Hitze. Aber wir sehen uns in einer 2.000 Jahre alten christlichen Tradition, die nichts an Modernität verloren hat. Natürlich rettet unsere Arbeit nicht die Welt, dem einen oder anderen aber hilft sie sicher existenziell. Und so werden wir auch im Jubiläumsjahr der German Doctors wieder in Kalkutta sein.“

 

Dr. Uta und Dankwart Kölle

Dr. Uta Kölle und Dr. Dankwart Kölle sind beide
Allgemeinmediziner, die nach 25 Jahren ihre gemeinsame
Landpraxis aufgaben. Seither sind sie alles andere als
untätig: Sie waren und sind als German Doctors
im Einsatz und werden im Jubiläumsjahr zum 31. Mal
als Einsatzärzte unterwegs sein.

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