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Aktuelles

Rolling Clinic auf Leyte

Taifun Haiyan - Hilfseinsatz Leyte

Rolling Clinic auf Leyte

Die deutsche Journalistin Esther Goldberg ist zurzeit auf den Philippinen und begleitet unsere Einsatzärztin Dr. Birgit Timm bei der Rolling Clinic auf Leyte, der Insel, die der Taifun im November am stärksten verwüstete. Esther Goldberg berichtet von den Hilfseinsätzen, davon was die German Doctors tagtäglich dort im Katastrophengebiet erleben und wie es den Filipinos inzwischen geht.

Ein Bericht von Esther Goldberg: Dr. Birgit Timm, der Erfurter Ärztin, ist ein wenig bange. Zwar ist sie das dritte Mal auf den Philippinen zu einem unentgeltlichen Einsatz unterwegs und hat sich erneut und mit dem Blue Book und Seminaren vorbereitet. Diesmal aber gibt es außerdem noch den Taifun "Haiyan", der am 8. November Tod und Zerstörung über Leyte gebracht hat. Zu dem ganz normalen Elend kommt nun auch noch die Katastrophe. Das wird hart, sie weiß es.

Jetzt ist für derlei Überlegungen keine Zeit mehr. Ihre erste Rolling Clinic beginnt. Durch schlammige Wege fährt die Ärztin mit ihrem philippinischen Team nach Bagacay. Das kleine Dorf ist Kilometer von der einzigen  Straße entfernt. Der Jeep schaukelt heftig. Schritttempo, mehr geht nicht. Nach einer Stunde sind sie am Ziel. 65 Häuser standen vor Haiyan in diesem Dorf mit seinen 293 Einwohnern. Heute sind davon 58 zerstört. Notdürftig sind die Überreste mit Planen internationaler Hilfsorganisationen bedeckt.

Unter einem Zeltdach der Vereinten Nationen baut Nancy Reyes ihre Apotheke auf. Fahrer Nelson Diango holt die Blauen Karten der German Doctors hervor, um die Patienten aufzunehmen. Gleich nebenan sitzen Jocelyne Walo und die Ärztin. Nie zuvor war in diesem kleinen Dorf eine Rolling Clinic. Eine Frau kann ihre Karte nicht ausfüllen. Sie ist Analphabetin. Das gibt Lilia Milo natürlich nicht zu. Aber sie diktiert bereitwillig, damit andere für sie schreiben. Ihre Augen sehen trübe aus, ihr Knie schmerzt. Grauer Star und Arthrose. Birgit Timm hat keinen Zweifel. Sie lächelt der Frau zu. Wenigstens gegen die Schmerzen gibt es ein Mittel.

Pampilo Andicula weiß nicht, wann er geboren wurde. Er ist sehr dünn. Ja, er hat Gewicht verloren. Ja, und er schwitzt auch in der Nacht. Sein Gesicht hat Flecken. Der Verdacht auf Tuberkulose erhärtet sich. Er muss zur Sputumkontrolle. Wird er gehen? Birgit Timm macht es dringlich. Tb ist ein Problem hier, sie weiß es. Und es gibt einen Medikamentencocktail dagegen. Sechs Monate muss er genommen werden. Jerry Libatique, der Dorfvorsteher, will sich darum kümmern. Versprochen.

Der nächste bitte. Doch halt. Erst gibt es von Nancy Reyes Unterricht. Das gehört zum Programm der Rolling Clinic dazu. Diesmal geht es um Hygiene. Sauberes Wasser und Hände waschen. Dann gibt es weniger Durchfälle. Und auch die Würmer könnten so besiegt werden. Die aus dem Dorf hören zu. Ob sie daran glauben, ist nicht zu erkennen. Würmer gab es schon immer und Wasser ist Wasser.

Manuel Ropa ist 54 Jahre alt. Er hat knapp 200 Blutdruck. Ja, er weiß es. Aber es gibt doch keine Medikamente. Birgit Timm verschreibt sie ihm für die nächsten Wochen. Das ist zumindest eine  Atempause. Und vielleicht geht er dann auch ins philippinische Gesundheitszentrum zur weiteren Kontrolle und für neue Medikamente. "Bluthochdruck in diesem Alter birgt ein riesiges Schlaganfall-Risiko", sagt sie.

Plötzlich gibt es vor dem provisorischen Sprechzimmer einen kleinen Tumult. Ein junger Mann hat sich am Rücken verletzt, als er versucht hatte, das halb zerstörte Dach abzureißen. Eine ein Zentimeter tiefe und fünf Zentimeter breite Wunde klafft auf seinem linken Schulterblatt. Birgit Timm hat Strips mit. Das wird gehen. Dann jedoch ist sie fassungslos. Der junge Mann hat keinen Schutz gegen Tetanus. "Das ist dringend", sagt die Ärztin. Er muss noch am selben Tag diesen Schutz bekommen. Dem Leben zuliebe.

Birgit Timm und ihr Team werden an diesem Tag weit über einhundert Menschen behandeln. Bei fünf Kranken gibt es Tb-Verdacht, einige haben die Krätze, viele Husten und Magenbeschwerden. Hinzu kommen offene Wunden, entzündete Augen und Ohren. Birgit Timm ist froh, dass sie hier ist. Auch, weil so die Menschen merken, dass sie in ihrer Katastrophe nicht allein bleiben.

Jerry Libatique, der Dorfvorsteher, hat ihr erzählt, wie sie den Tag des Taifuns erlebt haben. Sie saßen dicht beisammen in der Schule im Kreis. Die Kinder hatten sie in die Mitte genommen. Vier lange Stunden mussten sie ausharren, bis das Grauen vorbei war. Dann gingen sie zurück in die Häuser oder besser: dorthin, wo einmal ihre Häuser gestanden haben. „Dass uns die German Doctors und andere helfen, rettet uns", sagt Jerry Libatique. Aber er fürchtet sich davor, dass diese Hilfe in den nächsten Wochen nachlassen könnte. „Dann müssten wir verhungern", sagt er leise.

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