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Aktuelles

30 Jahre Rolling Clinic

30 Jahre Rolling Clinic

30 Jahre Rolling Clinic

Auf Mindanao hatten Ärzte und lokale Mitarbeiter viel Spaß. Ausgelassen wurde gefeiert, dass wir seit 30 Jahren vor Ort sind und mittels Rolling Clinic auch die ärmste Bevölkerungsschicht basis­medizinisch versorgen.

Und so fing alles an: Criselda Zialcita erinnert sich noch sehr genau, obwohl sie damals erst sechs Jahre alt war. Mit den Nachbarskindern hatte sie im Schatten der Bananenstauden gespielt, als sich ihnen plötzlich ein ganz und gar ungewohntes Bild bot: Ein leuchtend roter Jeep hielt mitten auf dem zentralen Platz ihres kleinen Dorfes. Mit einer Mischung aus kindlicher Neugier und Angst beobachtete Criselda gemeinsam mit den anderen Kindern das Treiben der seltsam blassen Menschen, die aus dem Auto gestiegen waren. Auf einem Klapptisch breiteten sie merkwürdige Gerätschaften aus. Dinge, die sie und die meisten anderen Dorfbewohner noch nie gesehen hatten: Kleine Fläschchen und Päckchen, Spritzen und Verbandszeug. Was dann folgte, war nicht schön. Und doch war das kleine Mädchen im Nachhinein dankbar für das Wirken der German Doctors – unter diesem Namen waren die Fremden bald bekannt im Dorf. Einer der Männer sorgte für einen stechenden Schmerz in Criseldas Mund. Nach einem Moment das Wartens und als sich ihr Mund seltsam taub anfühlte, zog er die braun verfärbten Zahnruinen, die ihr seit vielen Monaten schon schlimme Schmerzen verursacht hatten.

Criselda war eine der ersten Patientinnen unserer Rolling Clinic, deren 30-jähriges Bestehen auf der philippinischen Insel Mindanao wir in diesen Tagen feiern. Die Idee zu den mehrtägigen Touren ins Hinterland der rund 95.000 Quadratkilometer großen Insel entstand 1985 aus unserer damaligen Hilfsarbeit auf der Müllkippe in Tondo, Manila. Immer wieder behandelten die German Doctors dort Menschen, die in der Hoffnung auf Arbeit und ein besseres Leben ihre Dörfer und Felder auf Mindanao verlassen hatten. Aus einer bescheidenen Subsistenz­wirtschaft im Grünen ging es für diese Menschen nahtlos in die schwelenden und stinkenden Müllberge der Millionenmetropole, und ihre Träume lösten sich sehr schnell im Rauch des „smokey mountain“ auf. Wir hofften, dass sich mit dem Angebot einer ärztlichen Basis­versorgung die Lebensqualität für den einen oder anderen Bewohner Mindanaos so verbessern würde, dass er den vermeintlichen Verlockungen der Hauptstadt widerstehen könnte.

So brach im November erstmals jener von Criselda beschriebene rote Toyota-Landcruiser vom Küstenort Cagayan de Oro aus zu einigen entlegenen Ortschaften in der Provinz Bukidnon auf. Zwei Ärzte – einer davon Zahnarzt – und ein Fahrer leisteten echte Pionierarbeit. Über kaum befahrbare Pisten, wacklige Hängebrücken und durch wilde Flüsse kämpften sie sich zu entlegenen Dörfern rund um die Ortschaften Don Carlos, Cabanglasan und Pangantucan durch. Dort lag die Lebenserwartung im Jahr 1985 durchschnittlich bei gerade mal 35 Jahren! Die meisten Menschen sahen ihr Leben lang kaum mehr als ihr eigenes Dorf, und geschätzte 75 Prozent der Bergbauern starben, ohne jemals einem Arzt begegnet zu sein. Und dann tauchten plötzlich ein paar bleichgesichtige Männer und Frauen auf, die etwas unternehmen wollten gegen all jene Erkrankungen, die ein Großteil der Menschen bis dahin fatalistisch hingenommen hatte – erst recht, wenn der Heiler des Dorfes kein Heilmittel mehr wusste.

Verständlicherweise begegneten viele Einheimische den deutschen Ärzten zunächst sehr zurückhalten und misstrauisch. Doch die Zurück­haltung wich, nachdem die ersten Patienten von ihren Leiden befreit waren oder wenigstens Linderung erfahren hatten. Sie verschwand auch, weil wir von Anbeginn eng mit den Einheimischen kooperierten, auf ihre lokalen Kenntnisse setzten, und weil wir keine „Eintagsfliegen“ waren. Wir setzen vom ersten Tag Rolling Clinic auf Regelmäßigkeit und Verlässlichkeit. Nach einem festen Plan fuhr das Team kontinuierlich in zehntägigen Touren ins Hinterland und schon bald wurde es in den Dörfern entlang der Route bereits von einer wartenden Menschentraube in Empfang genommen. Darunter immer mehr Patienten – auch Ureinwohner vom Stamm der Manobos –, die stundenlange Fußmärsche unternommen hatten, um aus noch entlegeneren Dörfern zur Sprechstunde der German Doctors zu gelangen.

Über die Jahre hat sich unser Netz aus Rolling Clinics weiter über Mindanao und seit 2002 auch über Mindoro ausgedehnt. Mehr als zwei Millionen Menschen leben heute im Einzugsgebiet unserer mobilen Ambulanzen. Menschen, die uns auch heute noch so dankbar sind, wie vor 30 Jahren schon Criselda, da auch sie keinerlei medizinische Versorgung erfahren würden, wären wir nicht vor Ort.

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